Long Covid

Corona: Neue Studie weist auf neurologische Folgen hin

| Lesedauer: 6 Minuten
Corona-Folgen: Risiko für neurologische Erkrankungen erhöht

Corona-Folgen: Risiko für neurologische Erkrankungen erhöht

Eine der bislang größten Studien zeigt, welche Schäden und Probleme eine Covid-Erkrankung zu Folge haben kann.

Beschreibung anzeigen

Berlin.  Forscher haben das Risiko für psychiatrische und neurologische Störungen nach einer Corona-Infektion untersucht. Doch es gibt Defizite.

Durch die Impfung und der etwas weniger gefährlichen Omikron-Variante müssen viele Corona-Infizierte mit Symptomen womöglich für ein paar Tage im Bett bleiben. Dann die Erleichterung: Der Test ist negativ und die Krankheit überstanden. Doch viele Infizierte haben anschließend mit den Folgen von Long Covid zu kämpfen.

Was nach einer Corona-Erkrankung zu anhaltenden Symptomen führt, erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der ganzen Welt. Die Frage ist aber noch nicht abschließend geklärt. Es scheint möglich, dass Sars-CoV-2 über eine längere Zeit im Körper verbleibt und so Schäden anrichtet. Mittlerweile zeigt sich auch deutlich, dass das Virus eine Autoimmunreaktion auslösen kann, bei der das Immunsystem gegen den eigenen Körper arbeitet und deshalb gesundheitliche Probleme entstehen.

Auch gibt es laut dem Robert Koch-Institut (RKI) Hinweise, dass die Aktivierung des Epstein-Barr-Virus Long Covid verursachen kann. Das Virus tragen die meisten Menschen oft unbemerkt in sich. Im schlimmsten Falle aber kann man wohl an Multipler Sklerose erkranken.

Studie zu Long Covid: Brain Fog, Demenz, Epilepsie

Nun hat ein Team um die Psychiater Paul Harrison und Maxime Taquet von der University of Oxford herausgefunden, dass Covid-19-Patienten noch zwei Jahre nach der Infektion ein leicht erhöhtes Risiko für einige psychiatrische und neurologische Probleme haben. Für die im renommierten Fachblatt „The Lancet Psychiatry“ veröffentlichte Studie werteten die Forschenden Krankenakten von 1,28 Millionen Menschen aus, die sich zwischen Januar 2020 und April 2022 mit Corona infiziert hatten.

In die Untersuchung fließen ebenfalls Daten aus einer Kontrollgruppe mit ähnlich vielen Personen, die allesamt unter anderen Atemwegserkrankungen leiden. In den Gruppen gab es sich im Hinblick auf Alter, Geschlecht, ethnische Herkunft und andere Merkmale keine nennenswerten Unterschiede. Die riesige Studie gibt Aufschluss über zahlreiche Folgen, welche eine Corona-Infektion mit sich ziehen kann.

Nach zweijähriger Beobachtungszeit stellten die Wissenschaftler allgemein fest: Das Risiko für Krankheiten wie Bewusstseinstrübungen (Brain Fog), Demenz, psychotische Schübe, Gehirnblutung und Epilepsie war in den ersten Monaten nach einer Corona-Infektion höher als nach einer anderen Atemwegserkrankung.

Auf 10.000 Patienten gerechnet, konstatierten die Studienautoren bei den 18- bis 64-Jährigen 640 Fälle von Bewusstseinstrübungen; in der Kontrollgruppe waren es 550 Fälle. Bei den über 64-Jährigen traten 450 Fälle von Demenz bei 10.000 Covid-Patienten, in der Kontrollgruppe zählten Harrison und Co. 330 Fälle.

Neue Long-Covid-Studie: Es gibt auch Entwarnung

Die Forscher gingen ebenfalls der Frage nach, wie sich die vorherrschenden Virusvarianten auf Langzeitfolgen auswirkten. Bei der Delta-Variante bestand im Vergleich zur Alpha-Variante eine erhöhte Gefahr für ischämischen Schlaganfall, Epilepsie, Bewusstseinstrübungen, Schlaflosigkeit und Angststörungen. Die Omikron-Variante, die in Europa derzeit den Großteil der Infektionen ausmacht, löst ähnliche Risiken von neurologischen und psychiatrischen Störungen aus wie Delta. Nur die Sterberate ist geringer.

Den Experten zufolge gibt es aber auch positive Erkenntnisse: Die Resultate widersprechen zunächst dem Verdacht, dass eine Corona-Erkrankung zu längerfristigen Gemütsstörungen wie Depressionen führen könnte. „Es ist eine gute Nachricht, dass das Übermaß an Depressions- und Angstdiagnosen nach Covid-19 nur von kurzer Dauer ist und bei Kindern nicht beobachtet wird“, wird Harrison in einer Mitteilung der Oxford Universität zitiert.

Demnach waren Gemütsstörungen 43 Tage nach der Covid-Diagnose auf demselben Niveau wie in der Kontrollgruppe, bei Angststörungen war dies nach 58 Tagen der Fall. In der Altersgruppe unter 18 Jahren fanden die Wissenschaftler kein erhöhtes Vorkommen solcher Störungen.

Mehr zum Thema: Studie zur Omikron-Variante liefert unerwartete Erkenntnisse

Corona-Langzeitfolgen: Methodische Einschränkungen bei Oxford-Studie

„Die Ergebnisse werfen ein neues Licht auf die längerfristigen Folgen für die psychische Gesundheit und das Gehirn von Menschen nach einer Corona-Infektion“, erklärte einer der Hauptautoren, Maxime Taquet. Allerdings kommt die angewandte Studienmethodik mit Einschränkungen:

  • So könnten Corona-Infektionen mit milden oder asymptomatischen Verläufen unterrepräsentiert sein.
  • Auch berücksichtigten die Forscher nicht, wann die neurologischen oder psychiatrischen Störungen bei den Betroffenen diagnostiziert wurden oder wie schwer die Fälle waren.
  • Zudem räumen die Wissenschaftler ein, dass die Variantendaten auf der dominanten Variante zum Zeitpunkt der Diagnose basierten, ein Genotypisierung fand also nicht statt.
  • In den Patientenakten könnten außerdem relevante Angaben zur Infektion mit Sars-CoV-2 fehlen oder über eine Impfung gegen das Virus. Das könnte eine Verzerrung der Ergebnisse zur Folge haben, konzediert das Forscherteam weiter.

Studie über Long Covid: Experten äußern sich

In der Fachwelt hat die großangelegte Studie für Aufsehen gesorgt. In einem ebenfalls in „The Lancet Psychiatry“ veröffentlichten Kommentar schreiben die Neuropsychologen Jonathan Rogers und Glyn Lewis vom University College London, die nicht an der Studie beteiligt waren: „Dies ist die erste Studie, die versucht, einen Teil der Unterschiedlichkeit anhaltender neurologischer und psychiatrischer Aspekte von Covid-19 in einem großen Datensatz zu untersuchen.“ Einige Punkte müssten aber noch mal überprüft werden.

Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), sagt, dass die Studie vor allem wegen der enorm hohen Teilnehmerzahl und dem langen Beobachtungszeitraum wichtig sei. Als Schwachpunkt nennt der Mediziner, dass die Forscher nicht den Schweregrad der Atemwegserkrankung in der Kontrollgruppe berücksichtigt hätten. (mit dpa)

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.