Hass im Netz

Ärztin stirbt in Österreich: Impf-Gegner verhöhnen ihren Tod

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Die oberösterreichische Ärztin Lisa-Maria Kellermayr wurde von Impf-Gegnern geradezu verfolgt.

Die oberösterreichische Ärztin Lisa-Maria Kellermayr wurde von Impf-Gegnern geradezu verfolgt.

Foto: HERMANN WAKOLBINGER / picture alliance / HERMANN WAKOLBINGER / APA / picturedesk.com

Wien.  Eine Ärztin machte keinen Hehl aus ihrer Überzeugung und wurde so Zielschreibe von Impf-Gegnern. Nun wurde sie tot in ihrer Praxis aufgefunden.

Sie war keine, die sich einschüchtern ließ. Aber die Kombination aus Oberösterreich, einem Bundesland mit einer besonders radikalisierten Corona-Leugner-Szene, ihrer Tätigkeit auch als Impfärztin und öffentlichen Äußerungen zum Impf-Thema, das war eine gefährliche Mischung.

Am vergangenen Freitag wurde die Allgemeinmedizinerin Lisa Maria Kellermayr tot in ihrer Praxis in Seewalchen am Attersee gefunden. Fremdeinwirkung wird ausgeschlossen. Ausgegangen wird von einem Selbstmord. Drei Abschiedsbriefe hat Corona-Kämpferin Lisa Maria Kellermayr hinterlassen: Einen an die Polizei, einen an die Ärztekammer und einen an ihre Mitarbeiter – zwei Abrechnungen, eine Danksagung.

Lisa Maria Kellermayr kannte jeder in Österreich. Und so ist es auch kein Zufall, dass sich der Bundespräsident und zahlreiche politische Vertreter bestürzt zu ihrem Tod äußerten. Denn der Vorgeschichte. Die Belästigungen waren massiv.

Österreich: Impf-Ärztin schlug der blanke Hass im Netz entgegen

Als die Proteste gegen die Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung an Fahrt aufnahmen, wurde Kellermayr auf Twitter laut. Der Hashtag #Covidioten kommt oft vor in ihren Kommentaren. Und als Medizinerin kommentierte sie die Proteste in ihrer Region schonungslos.

Wenn es die Polizei etwa zuließ, dass Maßnahmen-Gegner Krankenwagen-Zufahrten bei der Klinik Wels blockierten. Sie war im Fernsehen, sie gab Interviews, sie teilte aus gegen die Bundesregierung, gegen die Landesregierung, sie teilte aus gegen die Behörden, gegen die Maßnahmen-Gegner. Die Antwort war der blanke Hass im Netz. Lesen Sie auch:Paraguay – Impfgegner stellen sich nach Kindesentziehung

„Ich werde dich hinrichten“, so der Wortlaut einer Drohung. „Wir beobachten Sie“, so eine andere. Oder auch: „Hallo du dummes Stück Scheiße.“ Unfassbar geht es weiter: „Du kannst ja gerne mit Anwälten drohen, aber kriegen werdet ihr mich sowieso nicht. Stattdessen habe ich nun beschlossen, dich zu kriegen.“ Lesen Sie auch: Sängerin Nena unterstützt Anti-Corona-Demo in Kassel

Drohung, Ärztin und alle Mitarbeiter „abzuschlachten“

Gefolgt von der Drohung, sie und alle Mitarbeiter ihrer Praxis „abzuschlachten“. Er werde als Patient in die Praxis kommen, sie fesseln und vor ihren Augen einem Mitarbeiter die Kehle durchschneiden. Und sie könne dagegen ja nichts machen, weil sie sich gefesselt ja „in ihrem privaten Lockdown“ befände. Töten werde er sie mit literweise Impfstoff, den er ihr durch die Augen injizieren werde.

Solche Drohungen hagelte es in Massen. Polizeischutz gab es. Unzureichend, wie die Medizinerin meinte. „Was mir passieren kann, das kann jedem Bürger passieren, der kein Promi ist oder über besondere Verbindungen verfügt“, sagte Kellermayr einmal. Nicht zuletzt hatte sie ein Vorfall vor dem Landesklinikum Wels zur Zielscheibe gemacht. Nachdem Kellermayr Untätigkeit der Behörden bei der Kundgebung vor der Klinik kritisiert hatte, hatte eine Sprecherin der Polizei sie praktisch als „Lügnerin“ hingestellt.

„Ich verwünsche die Landespolizeidirektion Oberösterreich“

Für die Szene der Maßnahmen-Kritiker war sie damit vogelfrei. Ermittlungen zu den Drohungen wurden schließlich im Juni eingestellt. Das Verfahren gegen einen deutschen Verdächtigen wurde mit der Begründung eingestampft, dass deutsche Behörden zuständig seien und nicht österreichische.

„Ich verwünsche die Landespolizeidirektion Oberösterreich!“, so den auch der Titel eines der drei Abschiedsschreiben Lisa Maria Kellermayrs.

Ärztin konnte die Kosten für ihre Sicherheit nicht mehr aufbringen

Zuvor hatte sie auf Twitter geschrieben: „Meine Rechte sind ihnen scheißegal. (...) Warum wird dieser Wahnsinn der hier mit uns passiert einfach so hingenommen? Warum dürfen uns diese #Covidioten bedrohen und terrorisieren und alle schauen weg?“

Erst im Juni hatte Kellermayr ihre Praxis geschlossen. Zunächst vorübergehend, dann dauerhaft. Auf ihrer Webseite begründete sie den Schritt damit, dass sie seit Monaten Drohschreiben „aus der Covid-Maßnahmengegner- und Impfgegner-Szene“ erhalte und sich die Kosten für Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr leisten könne.

"Querdenker" verhöhnen Tod der Ärztin

Der Tod von Kellermayr wird in "Querdenker"-Kreisen im Messenger-Dienst Telegram teils höhnisch kommentiert – der mutmaßliche Suizid ist das Top-Thema dieser Gruppen. Einige Nutzer schreiben dort, dass man der Ärztin nicht nach trauern müsse, weil sie Menschen gegen Corona geimpft habe. Andere wiederum bringen den Tod der Ärztin fälschlicherweise mit der Corona-Impfung in einen Zusammenhang. (mit bekö)

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und y0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Dieser Artikel ist zuerst auf morgenpost.de erschienen.