Bodyshaming

Italien: Schülerinnen protestieren für mehr nackte Haut

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Schülerinnen und Schüler fordern das Recht auf freizügige Kleidung.

Schülerinnen und Schüler fordern das Recht auf freizügige Kleidung.

Foto: pololas.collettivo/Instagram

Vicenza.  Wieviel Haut dürfen Schüler und Schülerinnen zeigen? In Italien protestieren Jugendliche für mehr Freizügigkeit und gegen Bodyshaming.

Bauchfreie Tops, nackte Schultern, viel Oberschenkel: Wie viel Haut Schülerinnen und Schüler im Unterricht zeigen dürfen, ist in Italien zurzeit ein höchst umstrittenes Thema. Vor allem bei Temperaturen um die 35 Grad, unter denen Schüler, die noch mit Mundschutz in stickigen Schulklassen sitzen müssen, besonders leiden.

Etwa 300 Gymnasiasten aus der norditalienischen Stadt Vicenza streiken in diesen Tagen, um gegen die „sexistischen und paternalistischen“ Äußerungen der Schulleiterin des Gymnasums „Fogazzaro“ gegenüber einigen Mädchen zu protestieren.

Italien: Schuldirektorin kritisierte übergewichtige Schülerinnen

Die Schuldirektorin Maria Rosa Puleo machte Berichten zufolge abfällige Bemerkungen über übergewichtige Mädchen in knapper Kleidung. „Man stellt Fett nicht auf diese Weise zur Schau!“, soll die Schulleiterin geäußert haben.

Sie bestrafte auch Schüler, die gegen die Kleiderordnung des angesehenen Gymnasiums verstoßen haben. „Wir sind hier an einem Gymnasium und nicht am Strand“, lautet die Divise der Schuldirektorin.

Schulleiterin will Manieren vermitteln – nackte Haut als Angriff auf die Moral

Sie forderte die Schülerinnen und Schüler auf, sich in Zukunft angemessener zu kleiden und „Freiheit nicht mit mangelndem Anstand zu verwechseln“.

Die Aufgabe der Schule bestehe nicht allein darin, Wissen zu vermitteln, sondern Heranwachsenden auch Manieren beizubringen und damit auf das Leben nach der Schule vorzubereiten.

Schüler traten in den Streik: Seximus und Bodyshaming

Prompt kam die Reaktion der Schüler. Sie traten in den Streik und verurteilten die Worte der Schuldirektorin, die ihrer Ansicht nach der „psycho-körperlichen Gesundheit“ der Heranwachsenden schaden würde, von denen schon viele an Essstörungen leiden würden. Sie warfen Puleo „Sexismus und Bodyshaming“ vor.

Allein auf Grundlage des Aussehens zu beurteilen, ob die Kleidung einer Person geschmackvoll ist oder nicht, fügt der psychophysischen Gesundheit Jugendlicher schweren Schaden zu. Man darf den Körper eines Menschen unter Berufung auf Ästhetik nicht entwerten“, betonte eine Schülerinnen-Delegation.

Kleidungsstil eher für den Strand und nicht für die Schule gedacht

Das Problem sei nicht das Outfit, sondern die Augen, mit denen es von Erwachsenen betrachtet würde. Anders sieht die Lage die Schuldirektorin, die den Streit als „Generationskonflikt“ bagatellisiert. „Ich musste aufgrund zahlreicher Meldungen von Lehrern über einen Kleidungsstil intervenieren, der eher für einen Tag im Schwimmbad als für die Schule geeignet ist. Ich wollte aber niemanden beleidigen“, verteidigte sich die Schulleiterin.

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Sie selber sei „Feministin“, Mutter zweier erwachsener Kinder und habe vielerlei Jugendmoden in der Schule erlebt. „Aber ich gebe zu, dass ich immer größere Mühe habe, unsere Schülerinnen zu verstehen“, sagt die 60 jährige Puleo. Sie führt das leichte Outfit der Schülerinnen auf den schlechten Einfluss „halbnackter Influencerinnen“ in Sozialnetzwerken zurück.

Flashmob vor Schule: Zerrissene Jeasn mit Klebeband als Provokation

Die Debatte über die Kleidung der Jugendlichen betrifft auch zahlreiche andere italienische Schulen - was auch mit dem ungewohnt heißen Juni zu tun haben kann. Das ganze Land wird seit Wochen von einer für die Jahreszeit unüblichen Hitzewelle heimgesucht.

Für Aufsehen sorgte die stellvertretende Schulleiterin eines Gymnasiums im süditalienischen Cosenza, die modische Risse in den Jeans einer Schülerin mit Klebeband überklebte und damit den Ärger der Klassen erregte, die einen Flashmob vor der Schule veranstalteten. Einige Mädchen trugen provokativ Jeans mit Klebstreifen, ein Transparent mit dem Slogan wurde hochgehalten: „Euer Anstand ist Gewalt und Unterdrückung“.

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Einige Schulen führen wieder Uniformen ein

Die Vize-Schuldirektorin, Lucrezia della Valle, ließ sich nicht einschüchtern: „Ginge es nach mir, würden Schüler Uniformen tragen“. Ganz nach britischem Vorbild.

Einige Schulen in Italien scheuen sich tatsächlich nicht davor, wieder die Uniform für ihre Schüler einzuführen. Das ist beispielsweise der Fall einer katholischen Schule im norditalienischen Bassano, die ab September für ihre 330 Schüler und Schülerinnen im Alter von bis zu 14 Jahren eine Uniform verlangt.

Italien: Schuluniformen sollen Teamgeist fördern

„Ziel ist die Förderung des Zugehörigkeitsgefühls und Teamgeistes, die Stärkung der Identität und die Entwicklung einer nüchternen Herangehensweise an das tägliche Leben“, begründete die Schulleitung ihren Beschluss.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.