Coronavirus

Long Covid seit zwei Jahren: Wenn die Welt nicht mehr riecht

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Corona-Langzeitfolgen: Das wissen wir über “Long Covid”

Corona-Langzeitfolgen- Das wissen wir über “Long Covid”

Ein erschreckend großer Teil der als genesen geltenden Covid-19-Patienten leidet noch Monate später unter Spätfolgen. Immer mehr zeichnet sich ab, was "Long Covid" überhaupt bedeutet.

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Bremen/Berlin.  Einige Corona-Erkrankte verlieren ihren Sinn für Geruch und Geschmack. Zwei Betroffene erzählen, wie sich ihr Leben verändert hat.

Es fing mit Kamillentee an. Wenn es etwas gibt, das Bianka Rojahn nicht mag, dann ist es dieser Geschmack. „Das löst bei mir Brechreiz aus“, sagt sie. Eigentlich. Ihr Mann weiß das, eigentlich. Doch als Rojahn Ende 2020 schlapp und müde am Küchentisch sitzt, schenkt ihr Ehemann eine Tasse ein, reicht sie zu ihr rüber. Rojahn trinkt. Und schmeckt: nichts.

Bianka Rojahn merkt das erst, als ihr Mann noch eine Tasse nachschenken will und sie den Kamillentee-Beutel sieht. In dem Moment in der Küche nimmt sie das wahr, aber sie hat andere Sorgen. Ihr Körper kollabiert unter dem Coronavirus. Die Glieder sind wie Blei, Lunge und Brust schmerzen, quälendes Stechen im Kopf, das Fieber steigt manchmal auf fast 41. Riechen und Schmecken ist ihr gerade völlig egal.

Anderthalb Jahre ist die Sache mit der Tasse Kamillentee her. Bis heute lebt Bianka Rojahn, 52 Jahre alt, Fachkrankenschwester für Palliativmedizin aus Bremen, in einer Welt, die nicht mehr schmeckt und nicht mehr riecht. Das Virus hat ihr die Sinne geraubt. Sie hat Long Covid.

Long Covid: Bianka Rojahn trauert um ihren Geruchssinn

In diesen Wochen im April und Mai, in denen die Frühlingssonne die Gerüche der Blumen in die Luft trägt, sagt Rojahn, dass sie zum ersten Mal „ein Stück Trauer“ spüre. Darüber, dass die Rosen in ihrem Garten, die sie so liebt, nicht mehr duften. Sie riecht an den Sträuchern, aber da ist nichts. „Wenn ich mich an Rosenduft erinnere, dann ist es nur der Gestank nach Rosenparfüm. Das fand ich immer abstoßend.“

Seit gut einem Jahr hat die Familie in Bremen einen Hund. Rojahn kann ihn nicht riechen. Sie kann ihren Mann nicht mehr riechen, wenn er neben ihr liegt. Wenn sie sich umarmen. Sie kann sich nicht einmal mehr selbst riechen. An heißen Tagen, wenn Bianka Rojahn in ihre Therapiegruppe kommt, wirft sie erstmal in die Runde: „Sagt mir, wenn ich miefe.“ Das sei dann erstmal ein Lacher für alle.

Als die Pandemie losbrach, tauchte in den Schlagzeilen schnell diese Nebenwirkung von Corona auf: Geschmacksverlust, Geruchsverlust. Schon in den ersten Wochen im Frühjahr 2020 fiel es Ärzten und Forschern auf. Das war so skurril wie beängstigend, denn auch dieses Symptom war neu. Oft plötzlich und komplett fielen Rezeptoren in Mund und Nase aus.

Long Covid: Im Jahr drei der Corona-Pandemie

Heute, im Jahr drei der Pandemie, ist aus dem akuten Symptom für viele erkrankte Menschen eine langanhaltende Nebenwirkung geworden. Long Covid trifft auch Geruch und Geschmack.

80 bis 95 Prozent der betroffenen Patientinnen und Patienten können laut Studien aus 2021 innerhalb von ein oder zwei Monaten wieder normal riechen und schmecken. Bei fünf bis 20 Prozent aber dauert es länger. Bei einem noch größten Teil Corona-Erkrankter treten weiterhin Störungen bei Geruch und Geschmack auf. Es zeigt sich aber auch: Die Omikron-Variante trifft deutlich weniger diese Sinnesorgane. Sehr typisch war es vor allem in den ersten Virus-Varianten der Pandemie.

In einem Facebook-Forum von Langzeit-Corona-Erkrankten postet eine Frau Mitte April dieses Jahres: „An die, die 2020/Anfang 2021 erkrankt sind: Habt ihr auch immer noch keinen Geruchssinn? Das kann doch nicht sein…“ Unter dem Beitrag kommentieren in kurzer Zeit Dutzende Menschen.

Eine Betroffene schreibt, Geruch und Geschmack seien seit November 2020 „größtenteils weggeblieben“. Hin und wieder rieche sie mal etwas. „Aber nur zart. Kommt und geht.“ Eine andere hat kommentiert: „Ich esse seitdem aus Erinnerung.“ Eine junge Frau wünsche sich, ihr Geruchssinn wäre weggeblieben. Seit der Infektion vor einem knappen Jahr rieche alles nur noch „unerträglich“.

Ein junger Mann ist erleichtert, nicht allein zu leiden

Ein junger Mann, der sich schon im März 2020 mit Corona infiziert hatte, schreibt von seiner „Erleichterung“ über die Berichte der anderen und „dass es noch echt vielen so geht und ich nicht bekloppt bin“. Sogar Ärzte, die der Mann aufgesucht hat, würden „in Frage stellen“, ob das noch immer von der Corona-Infektion komme.

Auch Bianka Rojahn kommentiert in dem Forum. Auch Menschen wie Sabine Strauch. Mit ihnen und anderen kommt unsere Redaktion ins Gespräch. Und viele leiden bis heute unter schweren Long-Covid-Symptomen, chronische Müdigkeit, Muskelschmerzen. Sabine Strauch sagt: „Wenn der Geruchsverlust das Einzige wäre, was mir zu schaffen macht, dann wäre das ja erträglich.“ So wie sie erzählen es auch andere Betroffene.

Und trotzdem macht die Veränderung den Menschen Sorge. Denn dass die Sinne nicht funktionieren, ist auch Symptom eines Alltags, der mit Long Covid aus dem Takt geraten ist. Ein Alltag, in dem oftmals nicht nur das Riechen schwerfällt, sondern auch das Aufstehen, das Arbeiten, das Konzentrieren. Irgendwann nach einer knappen Stunde Telefonat sagt Sabine Strauch, dass im Kopf der Druck wachse und ihr Fokus schwinde. Dass sie bald auflegen müsse. Manchmal fallen ihr einzelne Wörter nicht mehr ein. „Das ist alles Corona“, sagt sie.

Corona zerstört die Zellen, löst Entzündungen aus

Corona greift die Zellen an, den Baustoff des menschlichen Körpers. Aktuelle Studien zeigen, dass das Virus sich in der Nasenschleimhaut einnistet. Heftige Immunreaktionen lösen lokale Entzündungen aus, zerstören Geruchsrezeptoren. Bei manchen korrigiert der Körper die Störungen, bei anderen bleiben sie Monate, Jahre – vielleicht für immer.

Der Long-Covid-Körper spielt verrückt – und oftmals wissen Ärzte und Forschende nicht, wie sie ihn wieder ins Gleichgewicht bringen können. Sabine Strauch schreibt im Forum: „Mein ganzes Leben riecht nach verbrannten vergammelten Zwiebeln.“ Es sind Halluzinationen, nur nicht vor Augen, sondern in der Nase. Auch andere erzählen davon, dass sich der Geruch von Nagellackentferner oder Azeton in den Kopf einbrennt.

Eine Welt ohne Geruch und Geschmack ist gefährlich

Eine Welt ohne Geruch und Geschmack ist auch gefährlich. Bianka Rojahn erzählt, dass sie manchmal nicht mehr erkenne, wenn Lebensmittel schlecht sind. Einmal trank sie verdorbene Milch, ohne es zu merken. Ein anderes Mal ließ sie die Gasflamme am Herd laufen, roch das Verbrannte nicht. „Auf einmal wurde der Hund unruhig“, sagt Rojahn. Erst dann ging sie in die Küche.

Mittlerweile hat das Gesundheitswesen auf Long Covid reagiert. Es gibt spezielle Ambulanzen, auch Kliniken bieten Kuren und Therapiestunden an, es gründen sich Selbsthilfegruppen. Auch Rojahn war zur Reha auf der Nordseeinsel Föhr. Zweimal am Tag stand dort Geruchstraining auf dem Plan. Jeweils zehn Minuten. Rojahn roch an Rosenduft, an Eukalyptus, Nelke und Zitrone. Das Gehirn soll Gerüche und Gegenstände wieder verknüpfen. Regelmäßiges Hirnleistungstraining soll zusätzlich helfen, sie übte Memory, legte Schaubilder aus geometrischen Figuren nach. Eine „wahnsinnige Herausforderung“, sagt sie heute.

Long Covid: Nasenspray mit Cortison soll helfen

In der Apotheke besorgte sich Rojahn ein „Geruchs-Set“. Eine Art Krafttraining für die Nase. Sie zieht es ein halbes Jahr durch, jeden Tag, dann legt sie es zur Seite. Auch andere Betroffene berichten von Therapieversuchen. Ein Arzt verschreibt einer Frau Nasenspray mit Cortison. Ein junger Mann erzählt davon, dass sich der Geruchssinn nach der Corona-Impfung verändert habe. Er könne seitdem wieder riechen, aber vieles rieche übel. Eine Frau sagt, je mehr Stress sie habe, desto weniger schmecke sie.

Vor allem herrscht Unsicherheit. Viele rennen von Hausarzt zum Facharzt, zur Klinik, zum nächsten Arzt, bis sie verzweifelt wieder bei ihrem Hausarzt landen, der immer noch nicht weiterweiß. Andere berichten von kleinen Erfolgen, Schritt für Schritt, immerhin. Wenn der Geruch langsam zurückkehre. Wenn bestimmte Düfte durchdringen.

Krankenschwester Bianka Rojahn liebt das Kochen, vor allem Koreanisch. Auch jetzt noch bereite sie Gerichte für ihre Familie zu. „Ich brauche sehr lange, fange zwei, drei Stunden vorher an.“ Ihr Mann sage, dass es schmecke. Sie selbst weiß es nicht. Schmeckt es nicht. „Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn ich in eine Erdbeere beiße, und zack, ist da ein Geschmack.“ Bianka Rojahn sagt, sie habe sich an eine Welt ohne Geruch und Geschmack gewöhnt. Egal geworden ist es ihr nicht.

Dieser Text erschien zuerst auf www.morgenpost.de