Pandemie

Nach zwei Monaten Corona-Albtraum: Shanghai atmet auf

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Einige Einwohner Shanghais dürfen wieder stundenweise raus

Einige Einwohner Shanghais dürfen wieder stundenweise raus

Endlich mal wieder vor die Tür: In der chinesischen Metropole Shanghai dürfen einige Einwohner wieder für ein paar Stunden auf die Straße gehen, bald sollen auch Schulen wieder öffnen. Seit Monaten gilt hier ein striker Lockdown.

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Seoul.  Die Metropole kehrt in Mini-Schritten zur Normalität zurück. Doch der brutale Lockdown hat Narben hinterlassen, die nachwirken werden.

Allmählich kehren die Menschen wieder zurück: Auf den Straßen Shanghais bieten Hobby-Friseure ihre Dienste unter freiem Himmel an, Influencerinnen laufen mit ihren Selfie-Kameras durch die Gassen des französischen Viertels und auf den Gehwegen stoßen junge Ausländer wieder mit Bierdosen an.

Nach zwei Monaten Horror-Lockdown kehrt in Chinas größter Metropole wieder so etwas wie Normalität zurück. Für den 1. Juni haben die Behörden schließlich eine Lockerung der rigiden Maßnahmen versprochen, und zumindest schrittweise halten sie ihr Versprechen: Die Busse und U-Bahnen fahren ab Mittwoch wieder, auch einige Supermärkte öffnen ihre Pforten. Doch um diese zu betreten, müssen sich die Bewohner weiterhin mehrmals die Woche zum PCR-Test anstellen: Ohne negatives Ergebnis ist man vom öffentlichen Leben vollkommen ausgeschlossen.

Corona in China: Shanghai kehrt zu neuer Normalität zurück

Mit einem Alltag, wie er vor der Pandemie üblich war, hat Shanghais neue Normalität also wenig zu tun. Im Vergleich zu den vergangenen Wochen mutet sie aber fast paradiesisch ab: Ab dem 1. April wurden die meisten der 26 Millionen Bewohner in ihre Wohnungen eingeschlossen und sämtliche Infizierte in Massenunterkünfte mit Pritschenbetten verschleppt. Wer auf dem Höhepunkt der Ausgangssperren keine Vorräte angehäuft hatte, musste den Gürtel enger schnallen: Über Wochen waren ganze Bezirke von den Essensrationen der Regierung abhängig.

Vergessen sind auch nicht die tragischen Schicksale, die sich ausgerechnet in Chinas wohlhabendster Stadt ereigneten: Diabetes-Patienten, die auf offener Straße starben, da sie von den Krankenhäusern wegen fehlender PCR-Tests abgewiesen wurden. Die zahlreichen Kleinkinder, die sich infizierten – und unter Zwang von ihren Eltern getrennt in Corona-Stationen verfrachtet wurden. Hunde, die aus Angst vor einer Übertragung des Virus von Seuchenschutzarbeitern gekeult wurden.

Weitere Corona-Lockerungen bis Ende Juni

In der kollektiven Psyche hat diese Zeit tiefe Narben hinterlassen. Doch nach außen hin soll daran nichts mehr erinnern: Die Stadt hat Landschaftsgärtner angeheuert, um die Blumenbeete in den Prachtalleen neu zu bepflanzen und das Unkraut zu beseitigen. Die Nachbarschaftskomitees bauen die Gitterzäune vor den Wohnsiedlungen ab, Restaurantbesitzer putzen ihre Fenster blank.

Bis Ende Juni sollen die Öffnungen schrittweise weitergehen – und laut Plan sämtliche Beschränkungen fallen. Doch ob es wirklich dazu kommt, ist mehr als fraglich: Denn auch wenn die Gesundheitsbehörden in der vergangenen Woche außerhalb der Quarantänegebiete nur mehr eine Handvoll Infektionen in Shanghai registriert haben, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich das Virus wieder ausbreiten wird. Sars-CoV-2 wird nicht verschwinden, doch die chinesische Staatsführung wird an ihrer dogmatischen Null-Covid-Strategie festhalten.

Dabei hat diese in den letzten Monaten für einen historischen Wirtschaftseinbruch gesorgt, der ähnlich drastisch ausfiel wie während der ersten Welle 2020: Von Industrieproduktion über Binnenkonsum deuten alle Indikatoren auf eine temporäre Rezession hin. Doch während vor zwei Jahren die ökonomische Erholung rasch erfolgte, ist der Aufwärtstrend seit diesem Mai nur sehr zögerlich. China, der einstige Pandemiegewinner, ist zum Corona-Sorgenkind mutiert.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.