Promistrand

Kalifornien: Tausende Obdachlose campieren in Venice Beach

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The Venice Beach Freakshow schließt

The Venice Beach Freakshow schließt

Die Betreiber machen die Firma Snap, die die populäre App Snapchat entwickelt haben, für die jüngste Entwicklung und Gentrifizierung der Region mitverantwortlich.

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Los Angeles/Washington.  In Venice Beach, dem legendären Küstenstreifen in Kalifornien, haben sich Tausende Obdachlose niedergelassen. Anwohner sind in Rage.

Dass es mit der immer ein bisschen nach Marihuana und Sonnenöl riechenden Idylle in Venice Beach endgültig vorbei ist, bekam Joe Buscaino neulich hautnah zu spüren. Der demokratische Stadtrat, der Bürgermeister von Los Angeles werden will, machte Wahlkampf an dem für Künstler und Freaks, Hippies und Hipster, Surfer und Skateboardfahrer, Bodybuilder und Basketballer weltbekannten kalifornischen Strandabschnitt.

Plötzlich tauchte eine obdachlose Frau mit einem Messer auf und stieß wüste Drohungen aus. Die Polizei intervenierte rechtzeitig. Aber Buscaino sah sich bestätigt in seiner Forderung, gegen das Problem der „homeless people“ energischer vorzugehen. Devise: Räumen, räumen und nochmals räumen.

Gemeint ist die westlichste Open-Air-Obdachlosensiedlung der USA. Nur wenige Meter von der Pazifikbrandung entfernt haben sich Hunderte aus Zelten, Pappkartons und Sperrmüll notdürftige Behausungen gebaut.

Venice Beach steht nun für Schießereien und Müll

Nach „Skid Row“, der Obdachlosenmeile in Downtown Los Angeles, wo rund 5000 Menschen seit Jahren auf den Bürgersteigen hausen, zählt das in der Endphase von Corona wieder sehnsüchtig auf Touristen wartende Venice Beach derzeit mit über 2000 Entwurzelten auf drei Quadratmeilen die meisten Obdachlosen in der Umgebung.

Brände, die in den Zeltlagern entstehen und auf Geschäfte übergreifen, Messerstechereien, Schießereien plus ein deutlicher Anstieg bei der Beschaffungskriminalität (Raubüberfälle, Fahrraddiebstähle etc.) sowie tonnenweise Müll und Exkremente haben die Duldsamkeit vieler traditionell linksliberaler Anwohner überstrapaziert.

„Es muss endlich aufhören“, schrie in der vergangenen Woche den Tränen nahe eine ältere Frau in eine Fernsehkamera. „Ich wohne seit 45 Jahren hier. Aber heute können mich nicht mal mehr meine Enkel besuchen. Es ist zu gefährlich, wenn Kranke, Drogensüchtige und psychisch gestörte Menschen auf so engem Raum beieinander sind.“

Honig aus der Situation saugen will neben Joe Buscaino auch Alex Villanueva, der schillernde Sheriff des Landbezirks Los Angeles. Er tritt nächstes Jahr zur Wiederwahl an. Da macht es sich gut, auf dem Ocean Front Walk von Venice breitbeinig entlang zu stiefeln und mit repressiven Maßnahmen zu drohen.

Bis zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli, wenn in der Regel Zehntausende an den Strandabschnitt zwischen Santa Monica Pier und dem Bodybuilding-Käfig in Venice kommen, in dem einst Arnold Schwarzenegger Eisen gestemmt hat, sollen die „Schandflecke“ verschwunden sein, sagte Villanueva. Sonst werde er „für Ordnung im öffentlichen Raum sorgen“.

Steigende Mieten zwingen viele zu einem Leben im Zelt

Ebendort dürfte das Problem eigentlich gar nicht existieren. Nach den örtlichen Gesetzen ist Venice Beach nachts für Wohnungslose No-go-Zone. Allein, in der Corona-Hochphase setzte die Stadtverwaltung die Bestimmungen nicht durch. Die Menschen mit Engelszungen in Notunterkünfte zu agitieren, schien wegen Ansteckungsgefahr zweite Wahl.

Jetzt herrscht Wildwuchs beim Übernachten in innerstädtischen Lagen. Nicht nur in Venice Beach. Viele Städte an der US-Westküste haben seit Jahren mit einem schwindelerregenden Anstieg bei den Mieten und einem öffentlichen Sozialwohnungsbau im Schildkrötentempo zu tun.

Dass die Gruppe der Durchs-Netz-Gefallenen aus der Region da immer größer wird und mit den traditionell aus allen Bundesstaaten auf ihrem Zug nach Westen in Kalifornien ankommenden Heimatlosen eine kritische Masse erreicht, liegt für Stadtforscher der Universität Stanford „auf der Hand“. San Francisco etwa hatte vor einem Jahr 1100 Zelte auf seinen Straßen und knapp 70 provisorische Lager.

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Übergangsheime sollen Obdachlosigkeit mindern

Robin Abcarian, Kolumnistin der „Los Angeles Times“ und selbst Anwohnerin in Venice Beach, macht darauf aufmerksam, dass das 1905 von Abbot Kinney samt Kanälen und Fake-Palazzo-Gebäuden als Venedig-Abklatsch konzipierte Viertel heute Hunderte Wohnungen weniger hat als vor 15 Jahren.

Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom und Bürgermeister Eric Garcetti wollen darum den Bau von Übergangsheimen und Wohnblöcken für Geringverdiener vorantreiben, um die Obdachlosen nach und nach in normale Wohnverhältnisse zu bringen. Eine Einrichtung ist in Venice Beach geplant.

Va Lecia Adams Kellum, Chefin des kirchlichen St. Joseph Centers, das seit 45 Jahren vor Ort Gestrandete betreut, begrüßt die Pläne, ist aber latent skeptisch, was die Umsetzung angeht. Der Grund: Bei einer Bürgerversammlung vor einigen Tagen sprachen sich viele Anwohner dagegen aus: „Nicht in unserer Nachbarschaft!“