Braunschweig. In unserer Region steht ein großer Ausbau von Solar-Freiflächen bevor. Viele Interessenten sind in den Startlöchern, darunter unseriöse Investoren.

Ulrich Löhr, der Chef des Landvolks Braunschweiger Land, schildert es recht anschaulich. Wie er sagt, bekommen die Landwirte aus unserer Region derzeit immer mal wieder Besuch von Investoren für Solarparks. „Die stehen plötzlich auf dem Hof und haben unterschriftsreife Verträge in der Tasche.“

Löhr spricht von „Goldgräberstimmung“. Dieses Wort fällt fast allen Gesprächspartnern unserer Zeitung ein, wenn es um den Ausbau von Solar-Freiflächen in unserer Region geht. Bürgermeister nehmen das Wort in den Mund, Verbands-Vorsitzende, Investoren selbst, aber auch Initiativen, die den wahrscheinlichen Solarboom kritisch sehen.

Denn der Solarboom kommt. Darauf deuten alle Vorzeichen hin. Die Zahlen, die der Regionalverband Großraum Braunschweig gesammelt hat, sind eindrucksvoll. Der Verband ist für die regionale Entwicklung zuständig, also auch für den Ausbau der Solarkraft. Im Gegensatz zu den Windrädern weist der Verband bei den Solarparks zwar keine Vorranggebiete mit Ausschlusswirkung aus, doch der Verband hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Überblick zu behalten. Die Kommunen, die die Solarparks genehmigen, teilen dem Regionalverband Planungen und Anträge mit.

Solarflächen in der Region.
Solarflächen in der Region. © Regionalverband Großraum Braunschweig | Kristin Heine

Demnach gibt es in unserer Region derzeit gerade mal 140 Hektar mit Solar-Freiflächen. Weitere knapp 360 Hektar sind in Planung. Der Andrang der Investoren in der Region ist aber immens. Denn die Anträge belaufen sich auf weitere gut 3000 Hektar. Alles zusammengenommen würden die mehr als 3500 Hektar gut 5000 Fußballfeldern füllen.

Löhr vom Landvolk ist sich sicher: „Da steckt richtig viel Geld drin.“ Mittlere vierstellige Summen pro Hektar und Jahr sind realistisch. „Da kann kein Landwirt gegen anproduzieren“, so Löhr. So viel Geld wie in der Verpachtung des Grundes steckt, kann ein Landwirt also gar nicht mit dem Ackerbau verdienen. Aber, so Löhr: „Es sind auch unseriöse Anbieter unterwegs.“ Nach dem Motto: „Unterschreib mal gleich unten rechts.“

„Das Wichtigste“, sagt Löhr, „ist der Erhalt von Kultur- und Ackerflächen“. 60 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen in unserer Region seien ohnehin gepachtet, so Löhr. Viele Landwirte hätten also gar nichts von den Solar-Freiflächen, sondern nur die Eigentürmer. Allerdings haben auch einige Landwirte aus der Region selbst das Potenzial erkannt – und werden zum Solarkraft-Investor auf eigenem Boden. Dann wird es richtig lukrativ.

Der Ausbau der Solarkraft dürfte die Grundstückspreise in unserer Region weiter verteuern. Denn schon jetzt gibt es einen Wettstreit um die Nutzung der Fläche: Baugebiete, Gewerbegebiete, Landwirtschaft, Windparks oder Biodiversität stehen sich schon jetzt gegenseitig im Weg.

Solarflächen in der Region.
Solarflächen in der Region. © Regionalverband Großraum Braunschweig | Kristin Heine

So sieht es auch Bärbel Heidebroek, die Vorsitzende des Landesverbandes Erneuerbare Energien (LEE) in Niedersachsen. „Wenn wir die mehr als 3500 Hektar in der Region mit Solar-Freiflächen bebauen würden, hätten wir die Bevölkerung gegen uns.“ Dabei erkennt sie im Vergleich zur Windkraft weniger bürokratische Hürden: „Wir haben keine Schallemissionen, kaum Konflikte mit dem Artenschutz“, sagt sie. Die Planung geht deshalb auch deutlich schneller. Allerdings, so LEE-Chefin Heidebroek: „Die Kommunen in der Region werden derzeit von Investoren überrannt.“ Die Gemeinden müssen sich erst mal einen Überblick verschaffen.

Ganz so drastisch will Sassenburgs Bürgermeister Jochen Koslowski es nicht ausdrücken. Die Gemeinde bei Gifhorn ist ein Vorreiter bei Solar-Freiflächen – und will diese weiter ausbauen. „Es ist schon Druck auf dem Kessel“, sagt aber auch Koslowski. In Sassenburg gibt es einen der größten Solarparks der Region. Er ist zehn Hektar groß. Dazu gibt es einen weiteren kleineren Solarpark. Und, so Koslowski: „82 weitere Hektar sind seit Februar 2022 in Planung.“ Das überrascht nicht, denn alleine die Landkreise Gifhorn und Helmstedt vereinen etwa 2500 der potenziell 3550 Hektar in unserer Region.

In Sassenburg stehen weitere Investoren in den Startlöchern. Das wären sichere Einnahmen für die Gemeinde, daraus macht Koslowski keinen Hehl. Neben der Gewerbesteuer fließt die Grundsteuer.

Hans-Martin Herbel, der Chef von Abakus Kraftwerke Service, betreibt den großen Windpark in Sassenburg schon seit Ende 2012. Knapp 30.000 Solar-Module sind auf dem riesigen Feld im Industriegebiet in Sassenburg-Triangel verbaut. Die Module glitzern in der Sonne und versorgen mit ihren knapp 7,2 Megawatt etwa 7100 Einwohner mit Strom. Herbel sitzt im fernen Oberhaching bei München und erzählt am Telefon, dass er überlege, den Solarpark auf 9 bis 10 Megawatt zu erweitern. „Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde läuft sehr gut“, sagt er.

Die große Frage sei aber, ob der Netzbetreiber LSW Netz auch den weiteren Strom direkt einspeisen würde. Herbel sagt: „Es macht keinen Sinn, die Kabel fünf Kilometer weiter zu verlegen.“ Er müsste sich mit vielen Eigentümern auseinander setzen, oft mit Landwirten. Da Herbel über zwei Megawatt erzeugt, gilt er als Versorger – und hat mehr Rechte als andere. Er darf zum Beispiel ins Grundbuch schauen.

Solarflächen in der Region.
Solarflächen in der Region. © Regionalverband Großraum Braunschweig | Kristin Heine

Sassenburg legte Herbel vor mehr als zehn Jahren übrigens keine großen Steine in den Weg. Das Gelände ist ein ehemaliges Torfabbau-Gebiet, der Boden feucht. Die Gemeinde hatte Probleme, Unternehmen anzusiedeln.

Ähnlich wie hier schlägt der Regionalverband Großraum Braunschweig vor, für Solar-Freiflächen Gelände zu nutzen, das sonst kaum einer will: Sandige Böden, Flächen in Gewerbegebieten, die kaum einer will oder Gebiete an Autobahnen und Bahngleisen. Am Ende entscheiden die Kommunen selbst.

Die Landesregierung hat übrigens klar die Mindest-Ausbauziele bis 2040 benannt: Für ganz Niedersachsen sind das 50 Gigawatt im bebauten Innenbereich und 15 Gigawatt im Freiraum. Bei Letzterem geht es also um die Solarparks. Bei beidem hinkt das Land weit, weit hinterher.

Der Regionalverband hat grob überschlagen, was dieses Mindest-Ausbauziel für die Freiflächen in unserer Region bedeutet. 1500 Hektar müssten es schon sein. Angesichts der 3000 Hektar allein an Voranfragen sollte das also möglich sein. Diese 1500 Hektar entsprechen 1,5 Gigawatt. Das würde – sehr grob gerechnet – etwa eine Million Menschen mit Strom versorgen. Allerdings müsste man noch einberechnen, dass unser aller Strombedarf stetig steigt.

Etwas kritischer schaut Andreas Kautzsch von der Bürger-Interessen-Gemeinschaft Sassenburg auf die Materie. Auch er erkennt eine „Goldgräberstimmung“ und sagt trotz aller Notwendigkeit: „Es geht darum, diese Freiflächen mit Augenmaß, mit Sinn und Verstand anzulegen.“