„Akzeptanz des Stromnetzausbaus erfordert Fairness“

Braunschweig.  US-Forscher: Anwohner tragen den Bau von Stromtrassen eher mit, wenn diese für Ökostrom bestimmt sind. Deutsche Forscher kritisch

ARCHIV - Kunststoffrohre, durch die Strom-Erdkabel gezogen werden, sind auf der Amprion Baustelle in Raesfeld Nordrhein-Westfalen) am 23.09.2014 verlegt worden. (zu dpa "Windstrom für den Süden - neue Stromautobahn geht in Ostdeutschland Betrieb" am 09.09.2017) Foto: Roland Weihrauch/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

ARCHIV - Kunststoffrohre, durch die Strom-Erdkabel gezogen werden, sind auf der Amprion Baustelle in Raesfeld Nordrhein-Westfalen) am 23.09.2014 verlegt worden. (zu dpa "Windstrom für den Süden - neue Stromautobahn geht in Ostdeutschland Betrieb" am 09.09.2017) Foto: Roland Weihrauch/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

Foto: Roland Weihrauch / picture alliance / Roland Weihrauch/dpa

Widerstand? Ja – aber gegen die Einwohner, die gegen die Energiewende protestieren! Ökostrom ist super, aber bitte nicht vor meiner Haustür. Aber im Garten meines Nachbarn, der mich immer ärgert, darf der Strommast gern aufgestellt werden. Da stört er mich nicht.

Dies schreibt ein Leser, der sich
„Gutrki“ nennt, ironisch auf der Internetseite unserer Zeitung.

Zum Thema recherchierte
Andreas Eberhard.

Je weiter die Pläne der Trassen gedeihen, die den Windstrom aus dem Norden in den Süden der Republik transportieren sollen, umso größer der Widerstand in der Bevölkerung. Und umso deutlicher wird, dass die Akzeptanz der Betroffenen elementar ist für den Ausbau der Stromnetze. „Not in my backyard“ – „nicht in meinem Hinterhof“, nennt man im Englischen treffend die Mentalität, die unser Leser in seinem Kommentar karikiert. US-amerikanische Forscher fanden nun in einer repräsentativen Untersuchung mit 2000 Befragten heraus, dass Anwohner entlang geplanter Trassen den Leitungsbau in ihrer Nachbarschaft eher akzeptieren, wenn Ökostrom durch die neuen Leitungen fließen soll.

„Die Ergebnisse zeigen, dass die Quelle des Stroms für die Akzeptanz der Bürger fundamental entscheidend ist“, heißt es in der Studie der Politikwissenschaftler Stephen Ansolabehere (Universität Harvard) sowie Sanya Carley und David M. Konisky (beide Universität von Indiana, Bloomington). Sie schreiben: „Wenn eine Leitung Strom aus Sonnenenergie oder Windkraft transportieren soll, ist es deutlich wahrscheinlicher, dass Befragte den Bau der Trasse unterstützen, als wenn es um Gas- oder Kohlestrom geht.“

Auf die deutschen Verhältnisse übertragen würde dies eigentlich bedeuten: Um die Akzeptanz des Stromtrassenbaus vor Ort muss man sich keine Sorgen machen. Aber ganz ist dem nicht so.

Sinnhaftigkeit nicht der einzige Faktor

Prof. Ortwin Renn, Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam, bemerkt denn auch: Das Überzeugtsein von der Sinnhaftigkeit einer geplanten Stromtrasse sei nicht der einzige Faktor, der darüber entscheide, ob die Bevölkerung ihren Bau akzeptiere. Ebenso wichtig sei, dass die Betroffenen sich beteiligt fühlen und mit dem Bau identifizieren könnten: „Dies geschieht um so eher, je mehr diese Anlagen von lokalen Genossenschaften, möglichst mit Eigentumsrechten der Anwohner, betrieben werden.“

Unterm Strich sieht Renn in Deutschland noch „große Defizite“ bei der Umsetzung der Energiewende. Dazu komme das Problem der Fairness. Umfragen seines Instituts zeigten, dass, je mehr Windkraftanlagen an einem Ort konzentriert würden, die dortigen Bürger sich umso ungerechter behandelt fühlten. Das wirke sich negativ auf die Akzeptanz aus: „Auch Personen, die der Energiewende sehr aufgeschlossen gegenüberstehen, lehnen Infrastrukturmaßnahmen zum Ausbau erneuerbarer Energien ab, wenn sie den Eindruck haben, dass die damit verbundenen Lasten im Land ungleich verteilt sind“, so Renn. Das müsse die Politik beachten.

Lücke zwischen Denken und Handeln

Peter Kenning, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, ist Vorsitzender des Sachverständigenrates für Verbraucherfragen im Bundesministerium für Verbraucherschutz. Er betont: „Die neue Studie belegt einmal mehr, dass die Bevölkerung infrastrukturelle Maßnahmen eher unterstützt, wenn sie die damit zu erreichenden politischen Ziele befürwortet.“ Dies zeige, wie wichtig es auch in Deutschland sei, „den Bürgern die mit der Energiewende verbundenen Ziele zu vermitteln“.

Allerdings warnt Kenning davor, aus der Studie eins zu eins politische Schlüsse zu ziehen: „Zwischen dem, was Menschen sagen und dem, was sie später tun, besteht oft eine erhebliche Lücke.“ In Deutschland sehe man diese etwa an der Entwicklung der Fluggastzahlen, an der sich bisher keine Auswirkungen der Fridays-for-Future-Bewegung ablesen lasse. Er rät daher zu Vorsicht: „Die Ergebnisse der Studie könnten komplett anders ausfallen, wenn die Bagger erst einmal im Garten der Befragten stünden.“

Auch Gundula Hübner kritisiert, dass die Probanden der US-Studie zu rein hypothetischen Annahmen befragt wurden. Bei einer Untersuchung, die die Psychologieprofessorin der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg selbst 2013 durchgeführt hatte – damals befragte sie Anwohner entlang einer geplanten Stromtrasse in Schleswig-Holstein – kam sie aber zu einem ähnlichen Ergebnis wie jetzt die amerikanischen Forscher. Allerdings, kritisiert Hübner, reiche es für eine problemlose Umsetzung des Netzausbaus nicht aus, allein die Relevanz für den Klimaschutz beziehungsweise die erneuerbaren Energien zu betonen. „Vielmehr kommt dem Planungsprozess und der Bürgerbeteiligung eine zentrale Rolle zu.“

Akzeptanz durch Erdkabel?

Für Widerstände bei Anwohnern sorgt vor allem der geplante Bau neuer Freileitungen, also überirdischer Höchstspannungsleitungen mit Masten. Obwohl Freileitungen die Regel sind und bleiben werden, erlaubt der Bund neuerdings, dass die Stromtrassen teilweise unterirdisch verlegt werden. Im Interview mit unserer Zeitung sagte Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) Anfang dieser Woche, die Entscheidung für Erdkabel beim Südlink, der Hauptschlagader der Energiewende, habe viel zu lange gedauert. Aus heutiger Sicht seines Ministeriums lag dem ursprünglichen Plan, Freileitungen zu bauen, eine Fehleinschätzung zugrunde: „Der enorme Widerstand in der Bevölkerung wurde massiv unterschätzt.“ Die Ursachen dafür sieht Lies’ Haus auf allen Seiten. Insbesondere die Netzbetreiber hätten jedoch inzwischen gelernt, wie wichtig eine transparente und offene Kommunikation bei solchen Infrastrukturvorhaben ist. „Beim Südlink 2.0 werden die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt“, versichert das Ministerium gegenüber unserer Zeitung.

Stromleitungen unter die Erde zu verlegen, ist teurer als überirdische Leitungen. Letztlich werden die Verbraucher diese Mehrkosten über den Strompreis tragen. Aus Sicht des Ministeriums ist dies ein legitimer Preis für die Akzeptanz derer, die in der unmittelbaren Nachbarschaft der künftigen Trassen leben.

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