Harzer Geschichte

„Wir waren alle Billionäre, aber in Wirklichkeit bettelarm“

| Lesedauer: 8 Minuten
Inflations-Notgeld von 1923, ausgegeben vom Dampfsägewerk Otto Lampe, Eisdorf.

Inflations-Notgeld von 1923, ausgegeben vom Dampfsägewerk Otto Lampe, Eisdorf.

Foto: Numismatische Sammlung Deutsche Bundesbank

Gittelde.  Hyperinflation vor 100 Jahren: Aus Geldnot wurden zwischen 1914 und 1923 Notgeld und Inflationsgeld gedruckt. Es gab auch eine Sammelleidenschaft.

Die Inflation ist zur Zeit allgegenwärtig und viele Deutsche denken bereits mit Angst zurück an die Zeit vor 100 Jahren, als eine allerdings nicht ganz vergleichbare Inflationszeit herrschte. Sie endete am 15. November 1923 mit einer Hyperinflation und einer dramatischen Geldvernichtung. Die höchste Banknote hatte einen Wert von 100 Billionen Mark (eine 1 mit 14 Nullen!). Dazu schreibt der Gittelder Ortschronist Otto Dörge (1885-1965), der selbst ein begeisterter Notgeld- und Inflationsgeldsammler war: „Immerhin, wir waren alle Billionäre, aber in Wirklichkeit bettelarm wie nie zuvor!“.

Der Werteverfall der Mark verlief zunächst schleichend und entwickelte sich bereits mit Beginn des ersten Weltkrieges, in der Zeit von 1914 bis 1923 in vier verschiedenen Intervallen. Die Deutschen feierten mit Begeisterung den Kriegsbeginn und hofften auf einen schnellen Sieg. „Im festen Glauben an den Sieg“ folgten sie daher großzügig den Aufrufen der Reichsregierung zur Unterstützung der Kriegsfinanzierung und der Rüstungsproduktion, vorhandenes Metall in allen Formen abzugeben. Dazu zählte das Kleingeld aus Kupfer und Nickel, ebenso wie die Glocken in den Kirchtürmen der Dörfer. Das Horten von Kleingeld, Silber- und Goldmünzen wurde unter Strafe gestellt. So wurde bereits kurz nach Kriegsbeginn das Kleingeld in Deutschland knapp.

Den Deutschen geht das Kleingeld aus

Es gab Engpässe im täglichen Leben, im Handel und in den Verwaltungen. Den Deutschen ging regelrecht das Kleingeld aus. Es drohte ein finanzieller Kollaps des täglichen Lebens, und das obwohl nur das Kleingeld in den kleinsten Werten fehlte. Die Macht der Kriegswirtschaft zeigte ihre Folgen und erfasste das ganze Land.

Kleinlaut ermahnten die überforderten Finanzbehörden mit einem drohenden Unterton die Bevölkerung: „Wer sein Kleingeld sinnlos zurückhält, bringt den Handel und Wandel ins Stocken und bewirkt letzten Endes Stockungen in der Herstellung von Rüstung und Munition, schwächt die Front und hilft dem Feind zum Sieg.“ Dieser Aufruf war sinnlos und wurde von der Bevölkerung mit Häme und Spott wahrgenommen.

Kleingeld in Papierform

Um eine Kleingeld-Knappheit zu vermeiden, erlaubte und beauftragte die Reichsregierung zunächst landesweit 580 Banken, Sparkassen, öffentliche Verwaltungen und sogar Privatfirmen zur Überbrückung von Engpässen, Kleingeld in Form von Papiergeld auszugeben, was zunächst befristet war. Es waren kleine einfach gestaltete Papierzettel, die mit niedrigen Geldwerten und der beauftragten Ausgabestelle bedruckt waren. Diese Scheine waren offiziell keine gesetzlichen Zahlungsmittel, sondern nur ein zeitlich befristetes „Ersatzgeld“, mit kleinen Werten von fünf Pfennig bis zu einer Mark. Dieses Kriegsnotgeld war zudem nur jeweils in einer bestimmten Gemeinde und in deren örtlicher Umgebung gültig. Da die Notgeld-Scheine teilweise ohne Zustimmung der Reichsbank gedruckt wurden, erhielten sie die Zusätze „Gutschein“, „Anweisung“, „Spareinlage“.

Auch Nebengeld heizt Inflation an

Sogar verschiedene Händlergruppen und Großkantinen deckten ihren Kleingeldbedarf mit der Herausgabe von eigenem Wechselgeld und nannten es „Bäckerpfennige“ oder „Gastwirtpfennige“. Je kritischer sich das Fehlen der Kleingeldmünzen im täglichen Leben bemerkbar machte, umso einfallsreicher wurden die Herausgeber des Notgeldes. So gaben einige Städte und Sparkassen ihr Notgeld aus Materialien heraus, wie Leder, Holz, Samt, Leinen und Jute. Teilweise verziert mit Ornamenten und Stickereien. Die Reichsbank sah diese Entwicklung des selbstgedruckten „unechten Geldes“ mit Unbehagen und musste zusehen, wie dieses Nebengeld neben dem offiziellen Zahlungsmittel die Inflation im Reich anheizte. Die Situation wurde stillschweigend geduldet.

Inzwischen sahen Geschäftstüchtige Verwaltungen, Banken und Sparkassen, aber auch zwielichtige Spekulanten, eine neue ertragsbringende Einnahmequelle durch die Herausgabe von „Notgeld-Serienscheinen“. Sie garantierte einen hohen Gewinn und füllte die Kassen der Gemeinden und Städte, die durch den langandauernden Krieg völlig geleert waren. Daraus wurde still und heimlich eine neue Sammlerleidenschaft für die kleinen bunten Scheine, die ja eigentlich wertlos waren. Es entstanden die „Serienscheine“, die immer aufwendiger gestaltet und in größeren Mengen herausgegeben wurden. Sie entwickelten sich zu kleinen Kunstwerken. Auf vielen Scheinen waren die Ortsgeschichte oder bedeutende Bauwerke der Kommunen dargestellt. Andere Stellen gaben Serien mit den großen deutschen Dichtern und Denkern heraus.

Sagen- und Märchenwelt des Harzes

Auf den Serien der Harzer Gemeinden war die Sagen- und Märchenwelt des Harzes wiedergegeben. Andere wiederum waren mit fantasievollen Ornamenten, Grafiken oder auffallenden Sprüchen dekoriert. Immer öfter mussten die Notgeldscheine auch für Wahlpropaganda sowie für politisch gefährliche Werbung und Hetze herhalten. Den Erfindungsgaben der Druckereien waren keine Grenzen gesetzt. Herausragend in der Gestaltung und im Druck hochwertiger und ausgefallener Notgeldscheine war in der Harzregion eine Druckerei in Goslar.

Diese hochwertig gestalteten Scheine kamen jedoch nicht mehr in den Umlauf zum Bezahlen im täglichen Geschäft, sondern sie landeten sofort als Sammlerexemplare druckfrisch in den Schubladen einer neuen Sammlergeneration. Innerhalb der immer größer werdenden Notgeld-Sammlergemeinde bildeten sich inzwischen Spezialsammel-Gebiete, in denen nur bestimmte Serien und Gebiete gesammelt wurden. Zum Beispiel: „Der Harz“, „Die Nordsee-Inseln“, „Deutsche Klassiker“, Pflanzen- oder Bauwerkmotive. Schnell wurden Ausstellungen ins Leben gerufen sowie Zeitschriften und Fachgeschäfte gegründet.

Sammeln und Tauschen

Gesammelt und getauscht wurde in der großen Hoffnung, dass die Sammlung eines Tages sehr wertvoll und der Besitzer sehr reich sein wird. Je aufwendiger und edler die Gestaltung dieser Notgeld-Serienscheine war, so sicherer war es für den Herausgeber, dass dieses „unechte Geld“ nicht in den Umlauf kam und später nicht gegen „richtiges Geld“ eingelöst werden musste. Die Scheine verschwanden auf Dauer in einem Sammleralbum.

Nachdem die Notgeldausgabe inzwischen eine fragwürdige, fast kriminelle Entwicklung angenommen hatte, wurde der weitere Druck des Ersatzgeldes im Juli 1922 vom Staat und der Reichsbank offiziell verboten. Zu dieser Zeit kursierten etwa 80.000 verschiedene Notgeldscheine im Deutschen Reich.

Nach Ende des ersten Weltkrieges war das Münzkleingeld fast völlig aus dem täglichen Zahlungsverkehr verschwunden. Die inzwischen galoppierende Inflation zwang die Reichsbank wertmäßig immer größere Geldscheine in einem immer kürzeren Zeitraum in den Verkehr zu geben und war schnell mit dem Druck neuer Scheine überfordert. Wieder mussten die deutschen Gemeinden und Städte beim Druck dieses „Groß-Notgeldes“ einspringen. Widerwillig übergab die Reichsbank die Notenausgabe an die Kommunen und verzichtete auf ihr Monopol der Geldausgabe.

Geld mit vielen Nullen

In der Zeit des „Geldes mit den vielen Nullen“ und den Millionen- beziehungsweise Milliardenwerten auf den Geldscheinen kam es täglich zu riesigen Wertverlusten in der Wirtschaft und in den privaten Haushalten. Der ehemalige Ortschronist Dörge beschreibt diese Zeit, die er selbst miterlebte: „Der vermehrte Notenumlauf hatte üble Erscheinungen im Gefolge: Das arbeitende Deutschland verwandelte sich in einen Spekulanten-Haufen, neben den Börsenspielern trat der Aasgeier der Inflation, nämlich der Devisen-Schieber. Die rasende Geldentwertung wurde zur Katastrophe, die alle mit zu Boden riss. ... auf der Strecke blieb aber das Millionenheer der kleinen Sparer“.

Riesige Geldvernichtung

Diese letzte Notgeld-Periode endete mit der Hyper-Inflation am 15. November 1923 und einer unsagbaren Geldvernichtung. Sogar das Deutsche Reich war mit einem Schlag seine immensen Kriegsschulden los. Das alte Geld wurde in Schubkarren als Altpapier, Brennmaterial oder Schmierpapier verramscht.

Mit der folgenden Einführung der Rentenmark und der späteren Reichsmark in den Jahren 1923 und 1924 stabilisierte sich das deutsche Währungssystem. Man sprach vom „Wunder der Rentenmark“, die zwar bis 1948 gültig, aber kein gesetzliches Zahlungsmittel war, sondern nur eine sogenannte Übergangswährung.