Braunschweig. Das Filmfestival Braunschweig zeigt eine Doku über unsere Ausscheidungen. TU-Professor Dockhorn: Enthaltene Ressourcen besser nutzen.

Bei diesem Streifen muss man dankbar sein, dass sich das Geruchskino noch nicht durchgesetzt hat: „Holy shit“ heißt der Dokumentarfilm, den das Braunschweiger Filmfest in seiner ökologisch bewegten Reihe „Green Horizons“ zeigt. Das anrüchige Thema: Kot und Urin, die alltäglichen Ausscheidungen unserer Körper – und die Frage, wie mehr oder weniger klug wir mit ihnen umgehen. „Das Thema muss dringend raus aus der Schmuddelecke“, sagt Thomas Dockhorn. Der Professor der TU Braunschweig für Siedlungswasserwirtschaft ist fachkundiger Gast eines Publikumsgespräch, das im Anschluss an die Filmvorführung geplant ist.

Die Kritik des Braunschweiger Wissenschaftlers – wie auch der deutsch-schweizerischen Filmproduktion – zielt auf die umweltbelastende Art, wie wir unsere Hinterlassenschaften entsorgen. Hinzu kommen die großen Schwierigkeiten, die Abwässer zu reinigen, die sich in der Kanalisation unserer Siedlungen zu einem hochproblematischen Cocktail vermengen. Und nicht zuletzt geht es darum, wertvolle Inhaltsstoffe zu nutzen und diese nicht länger, wie im Film gezeigt, etwa in die Meere zu spülen, wo sie übermäßiges Algenwachstum und so letztlich massive Umweltzerstörungen verursachen.

Phosphor stellt Kläranlagen vor Probleme

„Wir brauchen eine Separation der Stoffströme“, bringt Dockhorn seine wichtigste Schlussfolgerung im Telefongespräch auf den Punkt – technisch-nüchtern, wie es sich für einen Ingenieur gehört. Diese Stoffe sind zum einen die organischen Substanzen aus dem Kot, die etwa für die Energiegewinnung in Biogasanlagen genutzt werden können. Zum anderen sind Stickstoffverbindungen und Phosphor enthalten. Beide stellen Kläranlagen vor große Herausforderungen, weil sie, wie Dockhorn erklärt, „nur schwer kaputtzukriegen“ sind.

Der Siedlungswasser-Experte Prof. Thomas Dockhorn von der TU Braunschweig fordert eine „Separation der Stoffströme“ – sprich von Urin und Kot.
Der Siedlungswasser-Experte Prof. Thomas Dockhorn von der TU Braunschweig fordert eine „Separation der Stoffströme“ – sprich von Urin und Kot. © Tu bs | Privat

Statt ,Holy shit‘ müsste man also sagen: ,Glorious Pipi‘.
Prof. Thomas Dockhorn, TU Braunschweig, über Urin als Quelle für den Dünger-Rohstoff Phosphor.

Dabei ist das „Kaputtmachen“ eigentlich Verschwendung, denn beide Substanzen, die vor allem im Urin vorhanden sind, sind wichtige Zutaten zur Herstellung von Dünger. Um die Stoffe nicht einfach zu eliminieren, sondern rückgewinnen zu können, braucht es allerdings eine Trennung, wie sie manche Toilettenarten oder wasserlose Urinale schon heute ermöglichen. „Der Urin ist aus unserer Sicht soger der noch wertvollere Grundstoff als die Fäzes“, sagt Dockhorn und scherzt: „Statt ,Holy shit‘ müsste man also sagen: ,Glorious Pipi‘.“

Großforschungsvorhaben in der Region Braunschweig

Gleich mehrere Großforschungsvorhaben zu entsprechenden Verfahrenstechniken betreut der Wissenschaftler an der TU. „Das sind echte Hausnummern, die wir hier in der Region haben“, sagt er über die laufenden Projekt. Besonders stolz ist Dockhorn auf mehrere Großanlagen zur Phosphorrückgewinnung zwischen Harz und Heide, auch in Braunschweig. Mit deren Hilfe, berichtet er, gelinge es, mehr als die Hälfte des enthaltenen Phosphors zu recyceln. Der so bereits heute „im Tonnenmaßstab“ produzierte Dünger werde von Landwirten in der Region genutzt.

Auf seiner Weltreise in Sachen Fäkalien begleitet den Filmemacher Rubén Abruñas ein Kackhaufen-Maskottchen. 
Auf seiner Weltreise in Sachen Fäkalien begleitet den Filmemacher Rubén Abruñas ein Kackhaufen-Maskottchen.  © Braunschweig International Filmfestival | Farbfilm Verleih

Den Filmemacher Rubén Abruñas dürfte das freuen, denn sein Film „Holy shit“ ist ein starkes Plädoyer für eine beherzte Fäkal-Wende zu mehr Nachhaltigkeit. Auch wenn man unnötig finden mag, dass der Film sich trotz seines ausreichend originellen Themas spürbar um Drolligkeit bemüht – etwa im Tonfall des deutschen Sprechers Christoph Maria Herbst oder in Form des Kackhaufen-Maskottchens, das Abruñas auf seinen Reisen um den Globus begleitet: „Holy shit“ ist inspirierend.

Die porträtierten Forscher und die vorgestellten Projekte in den reichen Ländern des globalen Nordens nehmen für sich ein. Fast noch ansteckender wirkt die authentische Begeisterung der Mitarbeiter einer Komposttoiletten-Initiative in einem Slum der ugandischen Hauptstadt Kampala. Und wenn nicht gleich zum Bau eines solchen Trockenklos im heimischen Garten, dann zumindest doch zum Nachdenken.

Auf einen Blick:

„Holy shit“, Donnerstag, 9. November, um 18.30 Uhr im Roten Saal im Braunschweiger Schloss, D/CH 85 Minuten, anschließend Publikumsgespräch mit Prof. Thomas Dockhorn.

Weitere Filme der Reihe „Green Horizons“:

„Rewild“, Donnerstag, 9. November, 21 Uhr, Roter Saal.

„Until the last drop“, Freitag, 10. November, 18.30 Uhr, Universum 2.

„Das Kombinat“, Sonnabend, 11. November, 18.30 Uhr, Roter Saal.

„Matter out of place“, Sonntag, 12. November, 16 Uhr, Universum 2.