Braunschweig. Namhafte Schriftstellerinnen und Autoren lasen und talkten beim Bücherfestival parallel. Wem wir lauschten und was dabei herauskam.

Schreiben heißt Auslöschen, seufzt Raabe-PreisträgerinJudith Hermann in ihrem preisgekrönten Buch „Wir hätten uns alles gesagt“. „Jede Entscheidung für eine Geschichte schlägt unzählige andere Geschichten aus. Ein Wort vernichtet ein anderes Wort.“

Vor ein ähnliches Dilemma stellt mehr als 400 Literaturfans die Braunschweiger „Literaturzeit“ am Vorabend der Raabe-Preisverleihung. Ein gutes Dutzend namhafte bis sehr namhafte Schriftstellerinnen und Autoren sind am Samstag in vier Sälen in drei Zeitfenstern parallel zu erleben. Wir entscheiden uns in der ersten Runde gegen Bestsellerautor Bjov Berg, gegen Markus Orths und Angelika Klüssendorf - und für Deniz Utlu. Der sei recht neu und interessant, verspricht „Literaturzeit“-Organisator Andreas Böttcher vom städtischen Literaturzentrum Raabehaus.

Schriftsteller Deniz Utlu (40) bei der „Literaturzeit“ in Braunschweig.  
Schriftsteller Deniz Utlu (40) bei der „Literaturzeit“ in Braunschweig.   © Florian Arnold | Florian Arnold

Wie Deniz Utlu seinen Vater in einer Geschichte aufhebt

Ist der 40-jährige Utlu auch. Gebürtiger Hannoveraner, Wahl-Berliner, studierter Volkswirt, schulterlange dunkle Haare, bedachtes, ruhiges Auftreten. „Vaters Meer“, sein dritter Roman, handelt von einem jungen Hannoveraner, der reflektiert, in sanft strömendem Fluss von sich und seinen aus der Türkei eingewanderten Eltern erzählt. Der Vater leidet nach einem Schlaganfall am Locked-In-Syndrom. Er kann sich nur noch per Augenzwinkern verständigen, mit seiner „Augenzunge“. Vorher war er ein lebhafter, auch ein wenig ambivalenter Patriarch und Fabulierer.

Das Buch führt auch in den Heimatort des Vaters, Mardin. Autor Utlu schildert, was er dort auf dem Markt über das Geschichtenerzählen gelernt habe. Es beginne damit, dass jemand aus seinem Leben plaudere. Wenn er das gut mache, kämen Zuhörer hinzu, die den Erzähler beflügelten. So entwickelten sich Alltagsstorys zu großen Geschichten. Das habe auch seinen Roman inspiriert. Es gehe um Herkunft, Prägung, selbstbestimmtes Leben, das Verhältnis von Erzählen und Erinnern. „Ohne Erinnerung kann man nicht erzählen. Ohne Erzählen gibt es keine Erinnerung.“ Der Vater stirbt schließlich. In der Erzählung sei er gut aufgehoben, sagt Utlu, dessen Vater ebenfalls am Locked-In-Syndrom litt und starb.

Quirlig und gescheit: Nele Pollatschek (35) bei der „Literaturzeit“ in Braunschweig.
Quirlig und gescheit: Nele Pollatschek (35) bei der „Literaturzeit“ in Braunschweig. © Florian Arnold | Florian Arnold

Wie Nele Pollatschek einen Roman wie eine To-do-List schreibt

Zweite Lesungs-Runde: Nele Pollatschek. Die 35-Jährige ist Feuilleton-Redakteurin bei der Süddeutschen Zeitung, blitzgescheit, schlagfertig und Romanautorin. Ihr drittes Buch „Kleine Probleme“ handelt von Lars, 49, Familienvater, Möchtegern-Schriftsteller - und die Mensch gewordene Prokrastination. Also einer, der immer alles aufschiebt, wie er in rasant larmoyantem Selbstbekenntnis mitteilt. An einem 31. Dezember will er nun alles abarbeiten, was bisher liegen blieb. Pollatschek hat die Romankapitel wie eine To-do-List angelegt. Das ist originell, witzig, temporeich und Hochdruck-mitteilsam. Wie die quirlige Pollatschek im Talk mit Moderator Andreas Wunn auch. In der Süddeutschen Zeitung hat die promovierte Anglistin zuletzt berührend über ihr Jüdischsein und den Druck auf Juden weltweit geschrieben. Samstagabend ist das kein Thema, da geht es nur um „Kleine Probleme“.

Die Probleme des Helden in David Schalkos Roman „Was der Tag bringt“ werden von Corona ausgelöst. Sein Catering-Start-up muss schließen. Um über die Runden zu kommen, vermietet er seine Wohnung und schlüpft bei alten Bekannten unter, wird Zeuge scheiternder Ehen, „wandert durch die Bruchlandschaften der anderen“, wie Moderatorin Sabine Waibel pointiert. Schalko erzählt das mit jenem lässigen Sarkasmus, den man als typisch österreichisch bezeichnen könnte. Der 50-Jährige ist übrigens nicht nur Romancier, sondern auch Filmemacher. „Einer der bekanntesten in Österreich“, schmeichelt die Waibel. „Niederösterreich“, wiegelt Schalko ab.

Was David Schalko mit Daniel Kehlmann verbindet

Unter aller grotesken Ironie rumort eine ernste Frage: was von uns bleibt, wenn immer mehr von dem wegfällt, was uns ausmacht, selbst wenn es nur äußerlich zu sein scheint. Etwa die geregelte Struktur des Arbeitsalltags. Oder die persönliche Einrichtung und die feste Zuflucht einer Wohnung. Es bleibt nicht so viel, deutet Schalko an. Sein aktuelles Filmprojekt ist übrigens eine TV-Serie überFranz Kafka. Das Drehbuch stammt von Daniel Kehlmann.

„Rolling Stone“-Redakteurin Birgit Fuß und Songschreiber Tom Liwa würdigen R.E.M. bei der Braunschweiger „Literaturzeit“.
„Rolling Stone“-Redakteurin Birgit Fuß und Songschreiber Tom Liwa würdigen R.E.M. bei der Braunschweiger „Literaturzeit“. © Florian Arnold | Florian Arnold

Zum Ausklang: Birgit Fuß und ihre R.E.M.-Biografie „Life And How To Live It“, erschienen im Braunschweiger Verlag Andreas Reiffer. Fuß ist Redakteurin beim deutschen „Rolling Stone“ und bekennende Verehrerin, ja Freundin der US-Band, die prägend für das Genre Alternative Rock war, nicht nur musikalisch, wie Fuß betont. Das leicht nerdige Quartett gründete sich 1981 in Athens, Georgia, „und machte fast alles richtig“, so Fuß. Die Mitglieder hätten sich alle Rechte und Tantiemen an ihren Songs gleichberechtigt geteilt, egal wer beim Schreiben größeren Anteil hatte. Sie hätten alle Entscheidungen basisdemokratisch getroffen, lukrative Werbedeals ausgeschlagen und ihre Freundschaft und Unabhängigkeit über alles gestellt.

Was Birgit Fuß‘ R.E.M.-Biografie bietet

Daran hätten R.E.M. auch festgehalten, als sie nach dem kommerziellen Durchbruch mit dem sanften Megahit „Loosing my Religion“ einen 80-Millionen-Dollar-Deal über fünf Alben mit dem Musikriesen Warner abschlossen. Und selbst noch als sie sich 2011 nach 31 Jahren überraschend auflösten. Die Musiker seien sich immer noch verbunden, betont Fuß. Ihre Biografie erzählt von persönlichen Begegnungen, von zahlreichen Interviews und Konzerten, und es bietet 40 Seiten Songtextanalyse. Der deutsche Indierock-Veteran Tom Liwa („Flowerpornoes“) begleitet die Lesung eindringlich-herb mit R.E.M.-Songs zur Akustikgitarre.