Braunschweig. Die Filmmusikerin präsentiert beim Filmfest Braunschweig den geheimnisvollen Streifen „The Angel in the Wall“. Nicht nur der Hauptdarsteller ist legendär.

Als Vanessa Donelly ihr Musikstudium (Piano und Dirigieren) in Hannover abgeschlossen hat, will sie Ernst machen mit ihrem seit Teenagertagen feststehenden Ziel, Filmmusik-Komponistin zu werden. Sie schreibt, wie sie lebhaft erzählt, mehr als hundert Mails an Professoren und Dozenten an Filmhochschulen, mit der Bitte, sie einen Studierendenfilm vertonen zu lassen. „Ich habe drei Antworten bekommen. Zwei lauteten etwa, ich solle nicht nochmal nerven. Die dritte kam von Peter Zeitlinger. Er schickte mir ,Wurmlöcher‘ zu, einen abgefahrenen Kurzfilm.“

Immerhin: Peter Zeitlinger, der Lieblingskameramann von Werner Herzog, auch sonst gut im Geschäft und Film-Professor in München. Donelly macht sich in ihrem Gifhorner Homestudio ans Werk, komponiert einen Soundtrack, spielt ihn am Klavier und mit einem befreundeten Streichquartett ein. Das Ergebnis schickt sie Zeitlinger nicht etwa per Internet, sie bringt das Ganze auf einem Datenträger persönlich in München vorbei. „Er war erst verblüfft, aber dann begeistert: ,Das ist ja keine Dosenmusik aus dem Computer, das lebt ja!‘ Er hat dann gleich eine Flasche Wein aufgemacht“, erinnert sich die Gifhornerin.

Pierre Richard spielt den geheimnisvollen „Engel in der Mauer“

Das ist jetzt sechs, sieben Jahre her. Seitdem fasst die 31-Jährige zunehmend Fuß im Geschäft. Sie habe bereits eine Reihe von Produktionen von Zeitlingers Frau Silvia, einer Regisseurin, vertont, vor allem fürs italienische Fernsehen, erzählt sie. Die Zeitlingers, die ihren Lebensmittelpunkt in Italien haben, hätten sie offenbar ins Herz geschlossen.

Das nimmt nicht Wunder, denn Vanessa Donelly hat ein einnehmendes Wesen: klug, humorvoll, voller Tatendrang, schwer zähmbare Lockenpracht, ein offenes, freundliches Gesicht. Beim Braunschweiger Filmfest stellt sie Anfang November den ersten abendfüllenden Kinofilm vor, für den sie einen Soundtrack schrieb: „The Angel in the Wall“, eine italienische Produktion von Regisseur Lorenzo Bianchini. Kamera natürlich: Peter Zeitlinger.

Pierre Richard als alter, rätselhafter Einsiedler in der italienischen Produktion „The Angel in the Wall“. Den Soundtrack schrieb die Gifhorner Filmkomponistin Vanessa Donelly.
Pierre Richard als alter, rätselhafter Einsiedler in der italienischen Produktion „The Angel in the Wall“. Den Soundtrack schrieb die Gifhorner Filmkomponistin Vanessa Donelly. © TuckerFilm/Filmfest | Riccardo Modena

„The Angel in the Wall“: Atmosphärisches Kammerspiel mit leisem Horror

Bianchini gilt als Horror-Spezialist, und auch dieser Streifen hat ein klassisches Gruselfilm-Setting: Ein alter, offenbar mittelloser Mann lebt zurückgezogen in einer großen, heruntergekommenen Altbauwohnung in Triest. Als der Besitzer ihm kündigt, mauert der Alte das Endstück eines langen Korridors bis auf einen Lüftungsschacht zu, durch den er gerade so schlüpfen kann. Von der Geheimkammer aus beobachtet er die neuen Bewohner, eine junge Mutter mit einem sehbehinderten Mädchen, das eine traumatische Erinnerung in ihm wachruft.

Es ist ein ruhiges, atmosphärisches Kammerspiel, das mit wenigen Worten auskommt, aber mit geheimnisvollen, ästhetischen Bildern und Sequenzen fesselt: tastende Kamerafahrten durch dunkle Flure, Zimmer im Zwielicht, wehende Gardinen, verdeckte Blicke durch Mauerspalten, das malerisch zerfurchte Mienenspiel des geheimnisvollen Alten, den niemand Geringeres als die französische Kino-Legende Pierre Richard („Der große Blonde“) spielt.

Vanessa Donelly: Viele Regisseure verstehen wenig von Musik

Vanessa Donellys Soundtrack unterstreicht unaufdringlich, aber effektvoll die melancholische, unterschwellig unheimliche Stimmung des Streifens: zerbrechliche Pianoakkorde, zarte, ferne Streicher, sprödes Saitenkratzen und Zupfen, leises Glockenspiel, sphärische Obertöne, melancholische Flöten- und Cello-Melodien. An wenigen hervorgehobenen Stellen verdichten sich die Klänge zu intensivem, melodischem Zusammenspiel mit klagenden menschlichen Stimmen. „Dann geht die Musik auf und dringt in die Seele. Solche Momente finde ich besonders schön“, schwärmt Donelly. Beim römischen Festival „Vespertilio Awards“ wurde sie bereits mit dem Preis für die beste Filmmusik ausgezeichnet.

Donelly gefällt der Raum, den Bianchinis Kammerspiel ihr als Filmmusikerin lässt. In dialoglastigen Streifen müsse sie sich zurücknehmen. „Wenn Regisseure auf Körpersprache oder starke Bilder setzen, dann ist Raum für Musik.“ Ihr Job verbinde musikalisches Können, Kreativität und Psychologie, sagt Donelly, die sich beim Komponieren auch an der Bewegung der Kamera orientiert. „Viele Regisseure verstehen wenig von Musik, haben aber so ihre Vorstellungen. Einer hat mir mal gesagt: ,Deine Musik fühlt sich so lila an. Kannst du mir stattdessen ein blaues Kornfeld komponieren?‘“.

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Vanessa Donelly bei der Arbeit in ihrem Gifhorner Studio.
Vanessa Donelly bei der Arbeit in ihrem Gifhorner Studio. © regios24 | Sebastian Priebe

Vanessa Donelly: Der Soundtrack kommt immer ganz zum Schluss

Meist zähle der Soundtrack zu den letzten Film-Gewerken, erst nach dem Schnitt komme sie zum Einsatz. Vier bis sechs Wochen habe sie dann Zeit fürs Komponieren, je nach Größe der Produktion, sagt sie. Sie verwende am liebsten klassische Instrumente, weil sie ihren und den Klang von Orchestern liebe, auch ihre lange Tradition in der Filmmusik, sagt Donelly. Aber sie kann auch mit digitalen Klangbanken umgehen. Und mit Kindern: Mit der Arbeit an „The Angel in the Wall“ habe sie kurz nach der Geburt ihrer ersten Tochter Coco begonnen, erzählt sie.

Parallel zu all dem belegt Donelly seit 2020 Kurse am renommierten Musical-Institute of Books, Music and Lyrics (BML) in London. Anfang kommender Woche stellt sie dort vor Branchenvertretern live Ausschnitte aus einem Musical vor, das sie zuletzt geschrieben hat. Und Musikkabarett macht die offenbar nicht zu bremsende Gifhornerin auch noch: Mit dem Quartett Passivattraktiv schreibt und spielt sie Programme über die „Absurditäten des Alltags“. Am 10. November ist die Gruppe im Kulturzentrum Grille in Gifhorn zu sehen.

Kinder-Darstellerin Gioia Heinz im atmosphärischen Kammerspiel
Kinder-Darstellerin Gioia Heinz im atmosphärischen Kammerspiel "The Angel in the Wall". Den Soundtrack schrieb die Gifhorner Film-Komponistin Vanessa Donelly.  © TuckerFilm/Filmfest | Riccardo Modena