Castingshow

DSDS: RTL stellt „Deutschland sucht den Superstar“ ein

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DSDS-Jurymitglieder Florian Silbereisen (l) und Dieter Bohlen.

DSDS-Jurymitglieder Florian Silbereisen (l) und Dieter Bohlen.

Foto: Stefan Gregorowius/dpa

Berlin.  Die Nachrichten um „Deutschland sucht den Superstar" überschlagen sich derzeit. Jetzt macht RTL noch eine überraschende Ankündigung.

Es war nicht die erste, aber mit Sicherheit die erfolgreichste Castingshow des deutschen Fernsehens: RTL stellt „Deutschland sucht den Superstar“ ein. Die 20. Staffel im kommenden Jahr soll die letzte sein. „Nach zwei sehr erfolgreichen Jahrzehnten werden wir die Show ein letztes Mal groß feiern“, so RTL-Unterhaltungschef Markus Küttner.

Die Nachrichten für DSDS-Fans überschlagen sich derzeit: Am Dienstag erst verkündete RTL die Rückkehr von Dieter Bohlen. Im März 2021 hatte der Sender den Pop-Produzenten gefeuert. Gerechnet hatte damit niemand, am allerwenigsten wohl Bohlen selbst. Der Ex-„Modern Talking“-Musiker war nicht nur der Chefjuror von DSDS, er WAR DSDS. In Sekunden zerschoss er mit vernichtenden, von Gag-Schreibern aufpolierten Urteilen Träume und Hoffnungen jugendlicher Kandidaten.

DSDS: Dieter Bohlen wird Chefjuror in letzter Staffel

„Kult-Sprüche“, nannte man seine Pamphlete lange, „Mobbing-Sprache“, hörte man aber dann immer öfter. RTL wollte sich unter seinem neuen Geschäftsführer Henning Tewes dem Zeitgeist anpassen und netter werden. Also wurde Bohlens Position neu besetzt mit dem unbeirrbar freundlichen Schlagersänger, Moderator und „Traumschiff“-Kapitän Florian Silbereisen. Bohlen war nicht begeistert, nahm es aber letztendlich doch sportlich – so blieb bei RTL eine Tür offen.

Durch die soll Bohlen nun in der Abschiedsstaffel ab Frühjahr 2023 zurück in seinen Chefsessel. Den muss Silbereisen räumen. Zwei Fahrer in einer Kutsche – das wäre nicht gut gegangen. Mit Silbereisen entwickle man neue Formate, beeilte sich RTL zu sagen. Es klingt wie ein Trostpflaster – der Entertainer, dem immer alles gelang und der für DSDS andere Angebote ablehnen musste, ist durch die Personalie zum Notstopfen degradiert.

„Wir haben uns verändert, auch Dieter Bohlen hat sich verändert. Ich denke, die Pause hat beiden Seiten gutgetan“, versuchte Tewes sein Zurückrudern zu erklären. „Dieter ist Dieter – und das soll er auch sein. Er redet Tacheles, er eckt auch mal an. Gleichzeitig hat auch Dieter sich weiterentwickelt. Jetzt wollen wir das Format gemeinsam ein letztes Mal groß feiern, in guter und ausgelassener Stimmung.“

Den Tonfall eines Achtsamkeitsseminarleiters wird Bohlen nicht anschlagen. Brav sei mit ihm nicht zu machen, sagte der 68-Jährige: „Wenn ich nicht der Dieter sein darf, der ich bin, hätte ich nicht zugesagt.“

DSDS: Das Ende einer Fernsehära

Auch Sängerin Ilse DeLange und Produzent Toby Gad sind in der Abschiedsstaffel nicht mehr dabei. Die Show sei mit diesen dreien frisch und spannend gewesen, sagte RTL-Unterhaltungschef Markus Küttner.

Es ist das Ende einer Fernsehära. Der Erfolg von DSDS änderte ab März 2003 die gesamte Unterhaltungsbranche. Plötzlich konnte jeder ein Star sein. Eben noch auf der Schulbank in der tiefsten Provinz, jetzt vor einem Millionenpublikum auf der Showbühne – das war von nun an ein gängiger Weg. Karrieren wurden in rasantem Tempo gemacht – und vernichtet.

Staffel-Sieger wie Alexander Klaws, Luca Hänni, Beatrice Egli oder Pietro Lombardi sind heute bestens im Geschäft. Die meisten waren allerdings schon wieder vergessen, noch während der Abspann des Finales lief. Der eigentliche Sieger war immer DSDS selbst – und in der Show war der Weg das Ziel. Es ging um „Storytelling“. Die Kandidaten mussten Persönlichkeit zeigen, Schicksale teilen. Die Ballade von Adele, die man dem verstorbenen Lieblingsonkel widmet – so etwas war ein guter Anfang.

Die Botschaft von DSDS war das Leistungsprinzip

Und natürlich war es unterhaltsam, den Kandidatinnen bei ihrem Kampf um die knappe Ressource Aufmerksamkeit zuzusehen. Dazu gehörte auch, dass einige offensichtlich talentfreie Bewerber eingeladen wurden, einzig um sie Bohlen zuzuführen wie ein Lamm dem Löwen. Das verbale Zerfleischen hörte sich dann so an: „Wenn du jetzt 3000 Prozent besser singst, könntest du eventuell Scheiße erreichen.“ Die Regie mobbte mit: Als beispielsweise eine korpulente Kandidatin vor die Jury trat, ließ RTL das Bild wackeln.

Andererseits sorgte DSDS für große Triumphe im Leben junger Menschen, viele davon aus schwierigen Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund. Die Botschaft von DSDS war das Leistungsprinzip: „Es ist egal, wo du herkommst, wenn du hart arbeitest. Von nix kommt nix.“ Dass man dazu niemanden vorführen muss, beweisen ungleich sanftere Ableger wie „The Voice of Germany“auf Sat.1.

Dieser Artikel erschien zuerst auf abendblatt.de