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„Wir müssen alle gleich behandeln“
Potenziale erkennen und nutzen

Von Florian Renneberg
KREIS OSTERODE. Trotz geringer Mittel schaffen es die Mitarbeiter des Jobcenters immer wieder, Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Besonders bei Migranten ist das eine komplexe Aufgabe. Manchmal steht jedoch auch die Gesetzeslage dem Wohl der Kunden im Weg.

Migranten sind im Landkreis Osterode, wie im gesamten Bundesgebiet, überproportional von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen. Das gab die Verwaltung des Landkreises Osterode diese Woche bekannt. Ihr Fazit: Mangelhafte Sprachkenntnisse, fehlende Qualifikationen und mangelnde Erfahrung mit den Anforderungen des deutschen Arbeitsmarkts machen eine Integration oftmals schwer.
Das Jobcenter des Landkreises Osterode hat sich dieser Aufgabe seit seiner Gründung im Jahr 2005 angenommen. Spezielle Fallmanager mit interkulturellen Kompetenzen und Kenntnissen in migrationsspezifischen Rechtsfragen arbeiten gemeinsam mit den Migranten an deren Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Diese sei nicht nur Voraussetzung für eine gelungene Eingliederung in die Gesellschaft, sie eröffne auch die Möglichkeit, multikulturelle Potenziale zu erkennen und zu nutzen, so die Verwaltung in ihrer Stellungnahme. Zuvor müssten jedoch multiple Vermittlungshemmnisse erkannt und beseitigt werden.
Unterstützt werden die Migrationsfallmanager dabei unter anderem von der AWO, die Erfahrungen mit den Herausforderungen der Migrationsarbeit hat, sowie der Ausländerbehörde oder dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Derzeit plant das Jobcenter in Zusammenarbeit mit der Prager Schule eine Qualifizierungsmaßnahme, um männliche Migranten auf die Eingliederung in den gewerblich technischen und kaufmännisch verwaltenden Bereich vorzubereiten.
Für diese komplexen Aufgaben stehen jedoch immer weniger Mittel zur Verfügung, kritisierte die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion Brigitte Pothmer Mitte Juni auf ihrer Tour durch den Landkreis. Das Jobcenter habe seit 2010 Kürzungen von rund 40 Prozent verkraften müssen, so Pothmer. Auch die Kürzungen bei der Qualifizierungs- und Beschäftigungsgesellschaft „StarQ für Menschen“ stehe dem Ansatz im Wege, Langzeitarbeitslose mit multiplen Vermittlungshemmnissen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Diese oftmals gering qualifizierten Menschen liefen Gefahr, abgehängt zu werden, warnte Pothmer.

Trotz schwindender Mittel kann das Jobcenter jedoch immer wieder Erfolge verzeichnen. Ein junger Tunesier beispielsweise hatte in seiner Heimat angefangen, Maschinenbau zu studieren. Als er aufgrund einer Familienzusammenführung nach Deutschland kam, absolvierte er mehrere aufeinander aufbauende Sprachkurse mit dem Ziel, sein Studium hier fortzusetzen. Nachdem die notwendigen Unterlagen aus Tunesien vorlagen, überprüfte ein Fallmanager des Jobcenters gemeinsam mit der TU Clausthal, ob der Abschluss des Mannes dem deutschen Abitur entspricht. Inzwischen studiert er an der TU Petroleum Engineering.
Dass den Mitarbeitern des Jobcenters in Einzelfällen jedoch die Hände gebunden sind, zeigt der Fall eines Osteroders, der sich zum 1. April dieses Jahres arbeitslos gemeldet und Ende März einen Antrag auf Arbeitslosengeld II gestellt hatte. Zwar wurde sein Antrag bewilligt, Geld erhielt er jedoch erst ab Mai. Der Grund: Sein ehemaliger Arbeitgeber zahlte ihm sein Gehalt für März erst Mitte April aus.
Hier gelte die sogenannte Zuflusstheorie, erklärte Jochen Hillebrecht, Bereichsleiter Soziales in der Osteroder Verwaltung. Demnach ist das Geld in dem Monat anzurechnen, in dem es dem Betroffenen zufließt. Der Widerspruch des Osteroders gegen die Entscheidung des Jobcenters wurde dementsprechend abgelehnt.
Seit Anfang Juni ist der Osteroder wieder in der Versicherungsbranche tätig – allerdings auf Provisionsbasis. Für den Oktober hat er eine Festanstellung in Aussicht. Um diese Chance zu ergreifen, müsse er jedoch in Vorleistung gehen. Auto und Telefon seien nötig, um seiner Tätigkeit erfolgreich nachzugehen. Das verursache Kosten, für die er aufgrund der fehlenden Leistungen im April eigentlich kein Geld habe. Das Gehalt, das er im April bekommen habe, musste er schließlich für seine im März angefallenen Kosten verwenden. Dass ihm seine Bemühungen, sich wieder im Arbeitsmarkt zu etablieren, so erschwert würden, kann er nicht nachvollziehen: „Ich schmeiße das Geld ja nicht aus dem Fenster“.
Im Jobcenter ist man sich der Problematik bewusst, verweist aber auf die Rechtslage: „Wir dürfen nicht alle in einen Topf werfen, müssen aber alle gleich behandeln.“

HarzKurier: 13. Juli 2012
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