Es hagelt Anzeigen: Viele Osteroder sind sauer auf „selbsternannten Hilfssheriff“ aus Badenhausen
Polizeichef Ingold: „In der Sache hat er Recht“
Osterode (mp). Er sitzt auf der „Lauer“ mit Stift und
Papier, so zumindest erscheint es vielen, trinkt
gemütlich Kaffee, beobachtet dabei und notiert fleißig
Verfehlungen des sündigen Volks. Und wenn es
seiner Meinung nach sein muss, dann schleppt er es
vor den Kadi, frei nach Wilhelm Busch: „Melde eilig die
Geschichte bei dem hohen Stadtgerichte“. Welch
Hinterlist! Nein, der Badenhäuser Horst Nilges ist in
weiten Kreisen der Osteroder kein Sympathieträger,
eine harte, aber wertfreie Feststellung.
Das Urteil über seine selbstgewählte Aufgabe,
Ordnungswidrigkeiten durch falsches Parken oder
unerlaubtes Befahren der Fußgängerzone
anzuprangern und auf Amtsebene verhandeln zu
lassen, geht weit auseinander, verdichtet sich indes
massiv im Negativen. Denn mittlerweile sind die
Betroffenen Legion, die auf Betreiben Nilges tief in die
Tasche greifen und ihr Bußgeld abdrücken mussten,
manche gleich mehrfach. Als „Hilfssheriff aus
Langeweile“ bezeichnet ihn Peter Mührenberg aus
Osterode, den der selbsternannte Ordnungshüter bei
einem kurzen aber verkehrlich verbotenen Stopp in der
Poststraße erwischte. Das machte 15 Euro. Er würde
Nilges gerne in die Dritte Welt verbannen: „Vielleicht
möchten Sie dort eine sinnvolle Aufgabe übernehmen,
die Sie ausfüllt“, fragt er in vermutlich nicht ganz ernst
gemeinter Diktion und bleibt in seiner Kritik gegenüber
anderen Stimmen noch recht gemäßigt.
Man möge ihm doch ein Schilderhäuschen auf dem
Kornmarkt aufstellen, forderte ein Osteroder kürzlich
ironisch, nachdem der Badenhäuser in seinem
Stammcafé Hausverbot erhalten hatte. Und das sind
nur einige O-Töne von vielen.
Dies ist nur „Ausdruck abgrundtiefer Verärgerung über
eigenes Fehlverhalten“, vermutet der so gescholtene
Nilges munter und sieht die Schilderhausempfehlung
als eine Reaktion „des typisch deutschen Urtyps (Hä,
hä, hä, geschieht ihm ganz Recht)“. Dennoch: In
seinem steten Bemühen um eine Stadt, in der Recht
und Ordnung herrschen müssen, lässt sich der
streitbare Frührentner auch durch des Volkes Stimme
nicht beirren, ganz so wie einst der verwegene
Westernheld John Wayne mit behördlicher Plakette auf
der Brust, und zeigt sogar den Behörden die Zähne.
„Eindeutigen Handlungsbedarf“ meint er aufgedeckt zu
haben, damit geltendes Recht nicht zur Beliebigkeit
verkommt („Ich bitte entsprechend tätig zu werden“).
Diese Bürde drückt mittlerweile auch einige Beamte,
im Verborgenen versteht sich.
Mehr Großmut
Einer seiner Ansprechpartner ist auch die Polizei: „Es
bleibt jedem Bürger unbenommen, Dinge zur Anzeige
zu bringen, die nicht rechtens sind“, erklärt deren Leiter
Hans-Werner Ingold. Nilges, so betont er zusammen
mit dem Ersten Kreisrat Gero Geißleiter
(Kommunalaufsicht), hat in der Sache Recht. Der
Polizeioberrat: „Es gibt viele Bürger, die sich einfach
nicht darum scheren, was sie dürfen und was nicht,
und das im Wiederholungsfall“. Andererseits gehe es
aber auch darum, zuweilen mit Nachsicht und
Fingerspitzengefühl zu handeln und im Zweifel auch
mal zugunsten des Bürgers abzuwägen. „Ich wünsche
mir, dass Herr Nilges etwas mehr Großmut an den Tag
legt.“ Grundsätzlich aber gehe die Polizei immer
Hinweisen aus der Bürgerschaft nach, wie auch den
Beobachtungen des Badenhäusers. So würden
Halteverbote und Fußgängerzone regelmäßig durch
Streifen überwacht. Auch die Stadt hat natürlich ihr
Überwachungspersonal regelmäßig im Einsatz. „Wir
kontrollieren im Rahmen unserer personellen
Möglichkeiten“, erklärt Kurt Bierhance, zuständig bei der
Stadt für den Straßenverkehr. Da mache es keinen
Sinn, der Verwaltung immer wieder vorzuwerfen, sie tue
zu wenig. Seiner Meinung nach solle man
Überwachungsaufgaben in den Händen der
Ordnungsbehörden lassen, weil sonst ein
ungesundes Klima entstünde. Ist Horst Nilges nun
ein notorischer Querulant oder lediglich ein eifriger
Verfechter von Gesetz und Ordnung? Letztendlich muss
das wohl jeder für sich selbst entscheiden, und das
eine schließt das andere ja auch nicht aus. Dem
umtriebigen Kempen aus Badenhausen wider die
Osteroder Straßenrowdies jedenfalls ruft Hans
Friedmann aus Freiheit zu. „Steigen Sie ein ins
Vereinsleben, gehen Sie singen, kegeln Sie oder
treiben Sie Sport. Sie gewinnen Freunde, die Sie jetzt
nicht haben.“
Ein gut gemeinter Rat sicherlich, aber vermutlich mit
wenig ernsthaften Chancen, zu einem adäqaten
Ausgleich heranzuwachsen. Im Bild: Die meisten
Osteroder sind „zufrieden“ mit der Arbeit ihrer
Politessen, die ihnen oft nur allzu schnell vor Ort sind.
Foto: Paetzold |
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