Letzter Gottesdienst in der St. Barbara Kirche in Bad Grund
„Es ist, als ob man wieder die Heimat verliert“
 Das Kirchengebäude. Foto: A. Hoff Von Sebahat Arifi
BAD GRUND. Obwohl er schon lange nicht mehr in der Samtgemeinde lebt, verbindet Horst Jacobowsky mit der St. Barbara-Kirche sehr viel. Nach der Vertreibung aus Schlesien ist sie zu einer Art Zufluchtsstätte für den gläubigen Katholiken geworden. Er geht sogar noch weiter: Die Schließung der Kirche bedeutet für ihn den Verlust seiner zweiten Heimat.
Als Horst Jacobowsky neun Jahre alt war, wurden er und seine Familie aus Lauterbach in Schlesien vertrieben. Das war im April 1946. Sie kamen nach Gittelde, wo sie sich langsam ein neues Leben aufbauten. Viel Kraft gab ihnen dabei die Ausübung ihres Glaubens. „Eine eigene Kirche hatten wir nicht, deshalb fanden die Gottesdienste manchmal in der evangelischen Kirche oder im evangelischen Gemeindesaal in Bad Grund statt“, erzählt Jacobowsky und erinnert sich, wie er mit seiner Familie und anderen Vertriebenen in den ersten Jahren zu Fuß „über den Berg ging“. Später fuhren auch Busse. Von Osterode aus wurden zudem alle vier Wochen im Wechsel Gottesdienste in Gittelde, Badenhausen, Eisdorf und Nienstedt abgehalten. Auch dafür stellten die Evangelischen Christen ihre Räume zur Verfügung. „In guten Zeiten waren wir etwa 25 Leute allein aus Gittelde“, so Jacobowsky. Schon bald engagierten sich die Gläubigen für den Bau einer eigenen Kirche in Bad Grund, und 1962 war es dann soweit: Die St. Barbara Kirche wurde errichtet. „Für uns Vertriebene war es wie eine neue Heimat. Wir waren glücklich.“
Obwohl Horst Jacobowsky schon seit 1965 nicht mehr in Gittelde sondern mittlerweile in Hemsbach im Mannheimer Raum wohnt, fühlt er sich mit der Gemeinde immer noch tief verbunden, auch weil er noch eine besondere Erinnerung aus dieser Zeit hat: „1965 wurden meine Frau Erika und ich als eines der ersten Ehepaare in der St. Barbara Kirche getraut. Das war natürlich ein besonderer Moment.“ Aber auch sonst sei die Gemeinde in all den Jahren ein wichtiger Bezugspunkt geblieben. Er und seine Frau kommen noch regelmäßig zu Bekannten in den Harz und besuchen in der Zeit auch Gottesdienste. „Die Nachricht von der Schließung war für uns alle wirklich sehr schmerzvoll.“
Wie emotional dieser Moment war, schildert auch Pfarrer Kamionka, der die offizielle Mitteilung des Bistums Hildesheim im Gottesdienst nach Weihnachten verlesen hat: „Es war Totenstille, und fast alle haben geweint.“ Kamionka ist seit September vergangenen Jahres alleine für die vier Kirchen der St. Johannes-Pfarrgemeinde zuständig und spricht von insgesamt etwa 3 500 Gläubigen, die dort noch vertreten sind. Es werden aber immer weniger. So waren auch die Gottesdienste in Bad Grund in der vergangenen Zeit unterschiedlich gut besucht. „Manchmal waren um die 20 Personen da, beim letzten Mal waren es nur elf.“ Unter anderem begründete das Bistum mit dem demografischen Wandel und den damit zusammenhängenden rückläufigen Zahlen der Gläubigen auch die Schließung. Ein Argument, das Kamionka nachvollziehen kann. Dennoch kritisiert er, dass die Gemeinde im Vorfeld zu wenig Druck und Gegenwehr gegen die Entscheidung geleistet habe: „Klar werden es immer weniger, aber die Leute hätten sich auch aktiver für den Erhalt der Kirche einsetzen können.“ Für den baulichen Erhalt des in die Jahre gekommenen Gebäudes müsse man laut Bistum in den kommenden Jahren 120 000 Euro aufwenden. Für Pfarrer Kamionka so nicht nachprüfbar: „Ich bin kein Handwerker, und wenn mein Bistum das durch Experten prüfen lässt, dann muss ich das glauben.“ Das tut Horst Jacobowsky nicht: „Ich warte doch bei meinem Haus auch nicht so lange, bis ich auf einmal alle Reparaturen machen muss“, ärgert er sich.
Das Gebäude soll nach der Profanierung verkauft werden. Das Bistum steht bereits mit einem möglichen Käufer in Verhandlungen, nähere Angaben wollte es aber noch nicht machen. Wie die Zukunft aussieht ist also noch ungewiss. Doch wenn am Samstag der letzte Gottesdienst in St. Barbara abgehalten wird, dann ist für Horst Jacobowsky eines klar: „Es ist, als ob man zum zweiten Mal aus seiner Heimat vertrieben wird.“ |
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