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Sebastian Wieczorek und David P. über ihren couragierten Einsatz
„Man darf nicht einfach weggucken“

Von Natalie Bornemann
KREIS OSTERODE. Wie verhält man sich, wenn man eine Situation beobachtet und genau weiß, dass da gerade Unrecht geschieht? Fasst man sich ein Herz und greift ein oder schaut man weg? Sebastian Wieczorek aus Herzberg und David P. haben sich eingemischt – eine folgenschwere Entscheidung. Beide wurden schwer verletzt, sind selbst zu Opfern geworden. Doch die jungen Männer sind sich einig: Zivilcourage muss sein.

Die Nacht vom 26. auf den 27. Mai 2007 ist bei Sebastian Wieczorek aus Herzberg ausgelöscht. Da ist nichts, keine Erinnerung, alles dunkel. Sebastians Eltern hingegen können sich sehr gut erinnern. Die Stimmung ist angespannt, schon unzählige Male haben sie seine Geschichte erzählt und jedes Mal wieder fällt es ihnen spürbar schwer, darüber zu sprechen.
Die Nacht im Mai 2007 hätte Sebastian fast das Leben gekostet. Gegen 23 Uhr beobachtet er am Rande des Herzberger Schützenfests, wie ein Streit eskaliert. Er fasst sich ein Herz, will die Kontrahenten beruhigen und den Streit schlichten. Dabei wird er umgestoßen und erleidet schwerste Kopfverletzungen. Die ganze Nacht kämpften die Ärzte in der Göttinger Klinik um sein Leben, geben ihm kaum Überlebenschancen. Fast drei Jahre ist der Vorfall mittlerweile her. Noch immer hat Sebastian mit den Folgen zu kämpfen. Er ist, wie seine Eltern auch, in therapeutischer Behandlung. Sein größter Fortschritt? „Dass ich wieder laufen kann“, sagt der heute 25-Jährige. Er sei aggressiv, jede Kleinigkeit rege ihn auf. Depressionen würden ihn quälen. Von seinen Freunden sind ihm zwei geblieben. „Alle anderen haben sich abgewandt“, sagt Sebastian. Trotz allem was passiert ist, ist sich die Familie einig: Man darf nicht weggucken und muss sich einmischen. „Ich würde es wieder tun“, sagt Sebastian entschieden. Nur sollte man nicht allein einschreiten. „Es ist besser, sich mit mehreren einzumischen“, erklärt der Herzberger.
Kritik übt die Familie an Politik und Behörden. „Die Opfer werden allein gelassen“, moniert Sebastians Vater. Die Politik würde nach Zivilcourage schreien, die Opfer stünden dabei aber ganz hinten an. Denn noch heute müssen sich die Wieczoreks mit „Papierkram“ und Behörden auseinandersetzen. „Die eine Behörde weiß nicht, was die andere macht. Ich habe täglich mit denen zu tun, Zeit für meine Familie bleibt mir nicht,“ sagt Siegfried Wieczorek. Wenigstens ein öffentliches Wort des Dankes hätte man sich von der Politik gewünscht, ein wenig Anerkennung für Sebastians Einsatz. „Es ist aber niemand aus Hannover gekommen, der gefragt hätte, wie es Sebastian geht“, beklagt sein Vater.
Der Einsatz des 25-jährigen David P. ist im Vergleich zu Sebastian rückblickend glimpflich ausgegangen: Am 31. Mai 2008 besucht David mit Freunden eine Abi-Party in Lonau. Auf dem Weg zur Toilette beobachten er und seine Freunde, wie ein junger Mann seine Freundin würgt. Einer seiner Freunde geht dazwischen und wird vom Täter angegriffen. David greift ein, der Täter, Sohn eines Arztes, zerschlägt ihm eine Glasflasche im Gesicht. Blutüberströmt wird der 25-Jährige ins Krankenhaus eingeliefert. Er hat Glück: Wäre die Glasflasche nur zwei Millimeter näher an seinem Auge zerschellt, wäre er heute auf dem linken Auge blind, denn der Sehnerv wäre durchtrennt worden.
Heute geht es David sichtlich gut. Traumatisiert ist er nicht, hat offenbar mit dem Vorfall abgeschlossen. Nur noch die Narben in seinem Gesicht zeugen von dem Vorfall und haben ihn anfangs belastet. „Im Beruf habe ich Kontakt mit Kunden, die gucken dann schon mal. Außerdem habe ich mich anfangs gefragt, ob ich entstellt bin“, sagt er. Ob man sich einmischen sollte, das hängt für David von der Situation und dem Charakter eines jeden ab. „Wenn sich drei Typen prügeln, würde ich eher nicht dazwischen gehen“, sagt er, fügt aber hinzu: „Der Staat kann aber auch nicht überall sein.“
Sowohl Sebastian als auch David haben von Anfang an Hilfe von Walter Röhl vom „Weissen Ring“, einem Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern, in Osterode bekommen – und sind dafür sehr dankbar. Beide sind sich einig: Sie haben dem Verein viel zu verdanken. Walter Röhl und auch der Rechtsanwalt des Vereins, Uwe Hoffmann aus Seesen, haben sich um alles Wichtige gekümmert, die beiden Opfer vor Gericht vertreten und ihnen finanzielle Unterstützung zukommen lassen.
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